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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1912-01-01 · Heft 6 · p. Seite 650

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
56 (1912)
Issue
Heft 6
Article
Jean Jacques Rousseau und das Judentum
Date
1912-01-01
Page
Seite 650 (sequence 10)
Language
German
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650 Jean Jacques Rousseau und das Judentum. fernt, die Grundprinzipien der Religion anzugreifen, hat der Autor sie mit aller Kraft beseitigt. Was er an greift, ist der blinde Fanatismus, der greuliche Aberglaube, das alberne Vorurteil. Man soll das alles schonen, sagen sie. Warum? Weil man damit die Völker hütet. Ja, zum Verderben leitet man sie damit i Der Aberglaube ist des Menschengeschlechtes schrecklichste Geißel, verdummt die Schichten, verfolgt die Weisen, kettet die Völker und nützt nur den Tyrannen, deren schrecklichste Waffe er ist«1). Das sind Donnerworte, welche von den deutschen Antisemiten, die 200 Jahre nach Rousseau noch mit der Verbreitung von Ritualmordmärchen Geschäfte machen und sich für die russischen Veranstalter von Judenmetzelein begeistern, wie Knutenschläge empfunden werden müßten. Aber auch die konservativen deutschen Politiker, die ihren jüdischen Mitbürgern Duldung, aber keine Gleichberechtigung zugestehen möchten, weil sie selbst auf die Losung vom »christlichen Staat« eingeschworen sind, hat der Freigeist Rousseau widerlegt, noch ehe der getaufte Judensprößling Friedrich Stahl den Konservativen dieses Kennwort geliefert, und ehe Nietzsche sich gegen diesen Begriff aufgelehnt hatte. Im »Contrat social« heißt es: »Ich bin im Irrtum, wenn ich von einem christlichen Staat spreche; jedes dieser beiden Worte schließt das andere aus. Das Christentum predigt Dienst und Abhängigkeit, und dieser Geist ist für die Herrscher zu günstig, als daß sie dies nicht stets ausnützen sollten. Fromme Christen regen sich über die Knechtschaft nicht auf, weil das kurze irdische Leben in ihren Augen zu wenig Wert hat«2). Dabei war Rousseau überzeugter Christ und ein entschiedener Gegner der 1J F. Brockerhoff, »Jean Jacques Rousseau, sein Leben und seine Werke«, Leipzig, Verl. v. Otto Wigand, 1874. »Briefe vom Berge«, Bd. 111, S. 256. *) Gaspard Valette, »Jean Jacques Rousseau, Genevois«, a. a. O. S. 202.

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