Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 56 (1912)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Jean Jacques Rousseau und das Judentum
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 648 (sequence 8)
- Language
- German
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64S Jean Jacques Rousseau und das Judentum. daß in dem Lessingsehen Meisterwerk die unduldsame Härte des Patriarchen und das der Sittah in den Mund gelegte scharfe Urteil über die Befangenheit mancher Christen auf die Rousseau'schen Worte zurückzuführen sind : »Statt das große Gotteswesen zu erläutern, verwirren es die Dogmen; statt es zu veredeln, erniedern sie es, machen den Menschen stolz, unduldsam und grausam; statt Frieden auf der Erde zu verbreiten, haben sie Feuer und Schwert gebracht.« Solche Oedanken haben auch auf Friedrich Schiller eingewirkt, denn sein dem großen französischen Denker gewidmeter überschwänglicher Nachruf schließt mit den Worten: »Rousseau, der aus Christen Menschen wirbt«. Wenn auch H e rder, ebenso wie Schiller, trotzdem nicht frei von Vorurteilen gegen die Juden blieb, so hat er doch den Geist der hebräischen Poesie vollständig in sich aufgenommen und in den Worten »Eine schöne Seele finden ist Gewinn!« dargelegt, daß auch ihm das »Diogenessuchen nach echten Mensehen«, das Rousseau lehrte, in Fleisch und Blut übergangen ist, wenn er auch nicht wie dieser die von Lessing gepriesene Kraft besaß, den Juden gegenüber »keine noch so allgemein gebilligten Vorurteile anzusehen.« Dieser Mangel hat Herder das Lob des antisemitischen Literaturhistorikers AdolfBartels in Weimar eingetragen, der in seiner neuen Schrift »Einführung in die Weltliteratur« u, a. schreibt: »Herder, unser deutscher Rousseau, und in seiner Jugend stark von Rousseau beeinflußt . , . .«, der aber dann aus dem Reise-Journal Herders vom Jahre 1763 einzelne abfällige Aeußerungen zitiert, wie: »Nichts wird bei Rousseau simple Behauptung, alles neu, frappant, wunderbar! So wird das an sich Schöne doch übertrieben, das Wahre allgemein und hört auf Wahrheit zu sein«. Nachdem Bartels noch einige rühmende Urteile Karl Frenzeis, Adolf Sterns und Wilhelm Wiegands wiedergegeben, kommt er doch selbst zu der persönlichen Anerkennung: »Rousseau war zu gut für die aristokratische