Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 56 (1912)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Jean Jacques Rousseau und das Judentum
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 646 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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646 Jean Jacques Rousseau und das Judentum. sich vielfach an Gedanken Lockes und Montesquieus an lehnten, und seine Erziehungsschrift »Emile« sind von beru fener Seite als die wertvollsten Vorarbeiten für die kurz nach dem Tode des Genfer Weltweisen am 17. August 1789 in Frankreich proklamierte »Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte« betrachtet worden, die bis dahin nicht nur in Frankreich, sondern auch in allen andern Staaten verkümmert waren. Der französische Rechtslehrer Paul Janet hat in seiner »Geschichte der politischen Wissenschaft« nachgewiesen, daß diese große Errungenschaft für die Menschheit nicht Montesquieu, sondern Rousseau zu verdanken sei, dessen begeisternde Lehren von den Mitgliedern des Konvents in Taten umgesetzt wurden. Wenn Taine und der Heidelberger Rechtslehrer Jellinek dieses Verdienst Rousseaus angezweifelt haben, dürfte dies auf die Bedenken zurückzuführen sein, die einzelne in dem »Contrat social« niedergelegte Anschauungen, z. B. über das Eigentumsrecht, in ihnen erweckten. Jedenfalls war damals die Volkstümlichkeit Rousseaus unbeschreiblich, und ihr ist die Erklärung der Menschenrechte zu verdanken, deren notwendige Folge die Anerkennung der Gleichberechtigung der Juden sein mußte und auch gewesen ist. Schon vier Jahre vor der Erklärung der Menschenrechte hatte unter dem zündenden Eindruck der Lehren Rousseaus der Abb6 Gregoire, der spätere Bischof v. Blois, in einer Beantwortung eines Preisausschreibens der königlichen Gesellschaft für Kunst und Wissenschaft in Metz den lapidaren Satz geschaffen: »Die große Judenfrage läuft am Ende darauf hinaus, zu wissen, daß die Juden Menschen sind.« Dieser Ausspruch fand bald in Deutschland Widerhall; tatsächlich aber waren es Rousseaus Reden über die Ungleichheit unter den Menschen, die vorurteilsfreien Ausführungen über Juden und Judentum, die in dem großen Erziehungswerk »Emile« enthalten sind, aber auch seine Theorie »Die Rückkehr zur Natur«, die den deutschen