Mannheim
Compact Memory

Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1912-01-01 · Heft 6 · p. Seite 645

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
56 (1912)
Issue
Heft 6
Article
Jean Jacques Rousseau und das Judentum
Date
1912-01-01
Page
Seite 645 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2829132-2829843-2829850-2891886--39954-2891910
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Jean Jacques Rousseau und das Judentum. 645 die offene Brust geboten hätte, um den um Gleichheit kämpfenden Brüdern eine Gasse zu machen. Zudem er innern uns die Verhetzungen gegen Rousseau nur zu sehr an das Schicksal unserer Glaubensgenossen, die durch Neid, Argwohn und Vorurteile aus der Heimat vertrieben, von Ort zu Ort wandern, ohne das tiefe Weh erlittenen Unrechts verwinden zu können. Was er schrieb, um eine tiefgesunkene Gesellschaft zu veredeln, wurde selbst von dem Frei־ Staat, dessen begeisterter Bürger er war, dessen Einrichtungen er weit über die der Nachbarstaaten stellte, auf pietistische und diplomatische Anklagen hin, genau so verkannt wie heute noch unser talmudisches Schrifttum, das man zwar nicht mehr wie im Mittelalter roher Vernichtung preisgibt, aber noch immer schmählich verleumden läßt, und auf Grund von Aussagen unwissender Nichtjuden oder von Fälschungen böswilliger Abtrünniger für unmoralisch oder staatsgefährlich hält. In einem von Dr. Arthur Kahn verfaßten Artikel der »Jüdischen Presse« wird von Rousseau mit ergreifenden Worten gesagt: »Selbst in seinen Schriften lag ein Stück jüdischen Schicksals. Auf derselben Stätte, wo einst ganze Lastwagen jüdischer Werke, Talmud und Thorarollen vom Henker verbrannt worden sind, loderten die Flammen, von des Nachrichters Hand angezündet, auch um Rousseaus Werke. Doch so wenig mit den in Asche verwandelten Schriften die Thora der Sinai-Verkündigung der Judenheit oder Menschheit verloren gingen, ebenso wenig vermochte der brennende Holzstoß Rousseaus Geisteskinder zu vernichten. Und von diesen Werken Rousseaus wehten — nicht die Aschenreste — sondern der Geist der Befreiung manches, vieles, vielleicht alles in die Versammlungen des Konvents hinein, was den im Ghetto schmachtenden Juden ihre Menschenwürde und Befreiung bringen sollte.1)« Die politischen Schriften Rousseaus, die *) »Jüdische Presse«, Nr. 27 vom 5. Juli 1912.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.