Mannheim
Compact Memory

Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1912-01-01 · Heft 6 · p. Seite 643

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
56 (1912)
Issue
Heft 6
Article
Jean Jacques Rousseau und das Judentum
Date
1912-01-01
Page
Seite 643 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2829132-2829843-2829850-2891886--39952-2891908
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Jean Jacques Rousseau und das Judentum. 643 Naturkraft geschildert, die jeder Konvention spottet, höchste Beseligung im tiefsten Weh bereitet. Sein Erziehungswerk »Emile« übt den nachhaltigsten Einfluß bis auf die gegen? wärtige Generation und blieb, wenn auch bekämpft, nie? mals wirkungslos. Seine politische Schrift bereitete eine neue Zeit vor und galt als Schlachtruf zur Freiheit und Gleichheit in den Zeiten der Revolution.« Die revolutionäre Wirkung seiner gegen die Rechtlosigkeit der Individuen in Ansehung des Rechtlichen und Politischen, des Gewissens und Gedankens gerichteten glühenden Worte hat er weder geahnt noch gewollt. Was er erstrebte, war nur wahre Bürgerfreiheit; denn er sagte wörtlich: »Der wahrhaft freie Mann will nur, was er kann. Die Freiheit ruht nicht in der Form der Regierung, sondern im freien Mannesherzen, das sie überall mit sich trägt. So trägt der Schlechte überall hin die Knechtschaft1). Bewahren wir die öffentliche Ordnung, achten wir in jedem Lande das Gesetz, verleiten wir d ie Bürger nichtzum Ungehorsam; wissen wir doch nicht, ob die veränderte Meinung ein Gewissen, doch daß Ungehorsam gegen das Gesetz ein Unglück äst«. So spricht kein Revolutionär; Rousseau hat aber auch sonst mehrfach, u. a. in einem Schreiben vom 27. September 1766, seine tiefe Abscheu vor allen Verschwörungen, Empörungen und Gewalttaten irgend einer Art ausgedrückt. Als er im Hause des der französischen Königsfamilie nahe stehenden Marschalis Montmorency den »Gontrat social« niederschrieb, lag ihm sicher der Gedanke völlig fern, daß seine idealen Anschauungen über Freiheit und Gleichheit in mißverstandener Weise für die Verwandten seines Be- Schützers aus der Theorie in die Praxis umgesetzt werden könnten. »Die Quintessenz seines Werkes, die Teiln ahme des Volkes an der Souveränität durch das allgemeine Wahlrecht, ist eine heute noch ungelöste J) Dr. E. v. Salhvürk, J. J. Rousseau, »Emile«, Band 2, Bach V, S. 377.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.