Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 56 (1912)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Siegfried Kapper als Ghettodichter
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 544 (sequence 32)
- Language
- German
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544 Siegfried Kapper als Ghettodichter. ufer, sondern am Fuße des Wyschehrad und in Aujezd wohnten1). Baruch Chassan, der Vater Oenendas, hatte sein Haus noch unter dem Wyschehrad2). Blümchen, die Heldin in der Geschichte »Glimmende Kohlen«, hatte ebenfalls ihr Häuschen am linken Ufer der Moldau, »dem alten Prager Königsschlosse gerade gegenüber«. Die Zeit, in welcher »Der seltsame Orach« vor der Altneuschul stand, wird nicht näher angegeben. »Die versunkene Synagoge« trägt die Bemerkung »Aus dem Ghetto Prags«. Diese Bemerkung hat ihre Berechtigung nur insofern, als sie am ersten Ghanuckaabend in einer Prager Ghettostube erzählt wird. Die Geschichte selbst spielt im Orient. Ähnlich verhält es sich mit dem Ahasverusspiel. Die besprochenen Geschichten gehören also zu jener Richtung, welche »die geschichtlichen Erscheinungen der Juden in poetischer Gestaltung zum Ausdruck bringt«. »Falk« und »Der reiche Knaus« sind Genrebilder, die u״s Judengestalten der Gegenwart darstellen. Fast sämtliche Erzählungen Kappers sind Rahmenerzählungen. Der alte Sarach erzählt Golde die Geschichte von Genenda. Mendel Falk liest am ersten Abend des Chanuckafestes demselben alten Sarach und seiner Enkelin Golde die Chanuckageschichte »Die versunkene Synagoge« vor3). Die Geschichte »Der seltsame Orach« erfährt Falk *) Der Sage nach wurde eine aus Moskovien vertriebene jüdische Gemeinde vom Herzog fiostivit freundlich aufgenommen und am linken Moldauufer, im heutigen Aujezd, angesiedelt. Unter der Regierung Borivojs hatten sich die Juden bedeutend vermehrt, der ihnen angewiesene Raum wurde zu eng und der Herzog wies ihnen jenen Ort am rechten Moldauufer an, wo noch jetzt die Judenstadt steht. (Näheres darüber siehe Sippurim II. Bändchen: Die Juden in Böhmens Vorzeit von Salomon Kohn.) a) Kapper versetzt diese Sage in das Jahr 1047 nach Christus. Das stünde im Widerspruche zur Behauptung Kohns, daß mit dem Bau der Judenstadt am rechten Moldauufer schon im Jahre 907 nach Christus ״begonnen wurde. 8) Fassung in der Libussa 1846.