Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 56 (1912)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Siegfried Kapper als Ghettodichter
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 527 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Siegfried Kapper als Ghettodichter. 527 Eine andere Geschichte, die Falk seinen Zöglingen erzählt, und die auch Hanna mitanhört, ist »Glimmende Kohlen.« Sie behandelt das Schicksal Blümchens, der Tochter einer Witwe, welche am linken Ufer der Moldau, dem alten Prager Königsschlosse gerade gegenüber, wohnte. Die Mutter hat für ihre Tochter einen sehr schönen Jüngling, Rabbi Feiwel Goldschmieds Sohn, zum Manne ausgesucht. Bevor aber noch die Hochzeit gefeiert werden konnte, brannte das Haus, in welchem Blümchen wohnte, nieder, und das Mädchen verbrannte mit. An der Stelle, wo das Haus der Witwe stand, konnte man noch lange Zeit Kohlen unter einem Haufen schwarzer Steine zerstreut liegen sehen. Hanna wird durch diese Geschichte an ihr eigenes Herzleid gemahnt, denn für Blümchen wurde gleich wie für sie ein Mann »gesucht,« ohne daß jemand danach gefragt hätte, ob sie den Mann, an den sie fürs Leben gekettet werden sollte, liebe. Anläßlich des Chanuckafestes erzählt Falk den bei den Chanuckalichtern versammelten Kindern die Sage »D i e beiden Tempel, eine Chanuckageschicht e«1). Jerusalem, die auserwählte Stadt des Herrn, sank in Schutt und Staub. Selbst der Tempel wurde von verheerenden Flammen vernichtet. Die Bundeslade wurde aber von zehn Männern gerettet, die mit ihren Frauen und Kindern in die Wüste auszogen und die Bundeslade, in rote Tücher gehüllt, mitnahmen. Sie siedelten sich in der Wüste an und bildeten bald eine kleine Gemeinde. Die Bundeslade bewahrten sie in einer Felsenhöhle auf, wohin sie an Sabbaten und Festtagen mangels eines Gotteshauses beten gingen. Da tat ein Mann aus ihrer Mitte das Gelobnis, den zehnten Teil seines Erwerbes hinzulegen vor die J) In der Libussa 1846, wo diese Sage den Namen »Die versunkene Synagoge« führt, ist ein anderer Rahmen. Dort heißt der Erzähler ebenfalls Falk, doch ist dieser Studiosus philosophiae. Er gibt die Geschichte am 1. Chanuckaabend im Hause des alten Sarach, der mit seiner Enkelin Golde haust, zum besten.