Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 56 (1912)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Siegfried Kapper als Ghettodichter
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 526 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- article
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526 Siegfried Kapper als Qhettodichter. zu verlassen. Aber er kehrt noch einmal in Schönzweigs Haus zurück. Nach 15 Jahren, die er als Arzt in Amerika verbracht hatte, und in denen er zu großem Wohlstände gelangt war, kommt er wieder in seine Heimat. Da führt ihn der Weg durch das Städtchen, wo Schönzweig als 70jähriger Greis mit seinen Kindern und Kindeskindern in Glück und Zufriedenheit lebt. Das Unrecht, das er an Falk begangen, hat er oft bedauert und nichts sehnlicher gewünscht, als es gut machen zu können. Dazu bietet sich ihm jetzt Gelegenheit. Falk holt sich seine Hanna, die sich zu keinem anderen Manne hatte entschließen können und deshalb ledig geblieben war. Der Lenz ihrer Liebe war verloren; sie konnten aber wenigstens noch einen schönen sonnigen Liebesherbst miteinander verbringen. In diesen Roman sind zahlreiche Sagen eingestreut. Die erste (ohne Überschrift) berichtet von einem Rabbi, der so tief in die Lehren des Talmud eindrang, daß er nicht zu sterben brauchte. Als ihn, den Hundertzwanzigjährigen, einst der Engel des Todes heimsuchte, wies ihn der Rabbi, der eben im Begriffe war, eine der tiefsinnigsten Fragen des Talmud zu ergründen, von sich. Er wolle nicht eher sterben, bis er die Wahrheit auf ihren Grund erforscht habe. Und so forschte er 250 Jahre, ohne zu schlafen und zu essen. Seine einzige Nahrung war der Saft einer Feige, die man ihm an jedem Sabbat reichte. Nach 250 Jahren — es war gerade das Wochenfest — brachte ihm sein jüngstes Urenkelchen eine Rose. Beim Anblick dieser frischen, duftenden, von harmloser Kinderhand dargereichten Rose war ihrn mit einem Male wie vor zweieinhalb Jahrhunderten, da er noch selber ein Knabe war, und es däuchte ihn, als hätte er damals in den ewig unwandelbaren Schriftzügen der Natur das große Wort der Wahrheit, nach dem er nun seit Menschenaltern vergebens forschte, besser gelesen, als er es in dem dumpfen, alternden Buche je vermocht. Er nahm die Rose, näherte sie seinen Lippen und starb.