Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 56 (1912)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Siegfried Kapper als Ghettodichter
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 525 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
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Siegfried Kapper als Ohettodichter. 525 und mein Herz ist so voll, daß es sich gegen jemand aussprechen muß, wenn es nicht brechen soll. Oft schon dachte ich daran, dies gegen Falk zu tun. Sein Blick ist so klar und auch so durchdringend wie ein Lichtstrahl; er dringt in die dunkelsten Räume der Seele und hellt sie auf. Vor seinem Auge liegt das Menschenherz offen wie ein aufgerolltes Blatt; er liest, er verstellt, er weiß darin jeden Zug zu deuten. Laß ihn mit dir einmal sprechen und er liest auch in deiner Seele wie in einem Buche! So oft ich aber daran war, erstarb mir das Wort auf den Lippen. Ich habe nie vor Falk ein Geheimnis gehabt; vor solchen Menschen darf man keines haben wollen, denn es gibt für sie keines, und braucht man auch keines zu haben. Und dennoch! Eine Macht, über die ich mir keine Rechenschaft zu geben weiß, und die das Unglückliche meiner Lage noch vermehrt, verurteilt mich, gerade hierin gegen ihn verschlossen zu sein. Es ist mir immer, als liefe ich Gefahr, etwas zu verraten, da ich doch nur Aufschluß darüber suche; immer, als hätte die Sprache gar nicht die Worte, in die ich meine Fragen kleiden könnte, da jedes mehr sagt, als ich eigentlich sagen möchte, oder wenn du willst, zu wenig. Sage mir, Bertha, muß man nicht auch achten, wo man liebt? Kann es eine Liebe ohne Achtung geben, wie es eine Achtung ohne Liebe gibt? Ist das Gefühl, das in Achtung seinen Anfang nimmt; leise, als kleiner, unbeachteter Keim; und das dann, genährt von Bewundemng und großgezogen von Dankbarkeit, zu einer Macht heranwächst, die anfangs all unser Denken und Handeln und zuletzt unser ganzes Sein beherrscht, ist das Liebe? Ist es Liebe, wenn man zu jemandem emporschaut, wie zu einem höheren Wesen und, vertieft in Anschauung seiner Vollendetheit, den Sinn für alles Andere ringsumher verliert; wenn man den Wert aller Andern nach dem Werte des Einen mißt; wenn man im eigenen Tun keine andere Richtschnur kennt, als die der Billigung und des Wohlgefallens dieses Einen? Wenn das Liebe ist, Bertha, dann sehe ich den Stern klar vor meinen Augen, unter welchem allein mein Glück wohnt; dann begreife ich, was meine Zunge fesselt, wenn ich zu Falk sprechen will; dann Schwester . . .« Hier bricht der Brief ab. Falk, dem nach der Lektüre des Briefes ein Schleier von den Augen gefallen ist, hält um die Tochter seines Dienstgebers an. Aber er kommt sehr übel an. ,Er gerät mit Schönzweig in eine so heftige Auseinandersetzung, daß er sich gezwungen sieht, noch am selben Tage dessen Haus