Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 56 (1912)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Siegfried Kapper als Ghettodichter
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 524 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
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524 Siegfried Kapper als Ghettodichter. Vorsehung, daß sie ihre Bahn nach unserem Hause geleitet. Preise sie mit mir, du hast Grund dazu.« Im weiteren Verlaufe erklärt Hanna ihrer Freundin und zukünftigen Schwägerin, daß sie sich nicht entschließen könne, deren Bruder zu hejraten, weil sie ihn nicht liebe: »Ich liebe ihn nicht. Warum ich ihn nicht liebe? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, daß es so ist! Vielleicht liegt die Schuld an der Art und Weise, wie er sich mir genähert oder vielmehr, wie wir einander genähert wurden. Ich kann mich nun einmal mit dem Gedanken nicht vertraut machen, daß man das Lebensglück einesMenschen, seine heiligsten Interessen zum Gegenstände der Spekulation, daß man das Weib zur Ware machen darf. Es macht mich an der Würde, an der Bedeutung des Weibes zweifeln, wenn man es zur Sklavin einer gewinnverheißenden Kombination, einer vorteilversprechenden Politik macht, gleichviel ob die Spekulanten Krämer oder Könige heißen. Oder soll wirklich jeder Mann das Recht haben zu sagen: Vater, gib mir deine Tochter! Und wenn man ihn fragt: Wer bist du, daß du sie begehrst? nichts anders zu antworten, als: ich bin reich; ich bin mächtig; darum will ich sie!? Soll jedem Vater das Recht zustehn, über den Frieden, die Seelenruhe, das Glück eines ganzen Daseins zu verfügen, wie er über seinen Besitz verfügen kann? Es mag hart klingen, liebe Bertha, was ich hier sage; aber auch ich suche vergebens nach milderen Worten dafür. Meine ganze Gedankenwelt empört sich dagegen, mein Herz für nicht mehr als eine Zugabe b®־ trachtet zu sehen, nach der man nicht fragt, während man den Handel abschließt, und die man höchstens dem Käufer aus besonderer Großmut noch in die volle Wagschale wirft, .wenn der Handel einmal abgeschlossen ist. Hier, Käufer, ist mein Geld, hier ist das deine; beide wiegen gleich, wir sind handelseins. Meine Tochter geb* ich dir in den Kauf! Ob ihr Herz, diese Kleinigkeit, die ohnehin nicht schwer wiegt, mit dabei ist oder nicht, daran wirst du hoffentlich keinen Anstand nehmen. Wer immer von solchen Gedanken herbeigeführt und zu solchen Ansichten sich bekennend seine Hand nach mir ausstreckt; solange ein Odem meine Brust hebt, will ich ihn von mir weisen, ich will mich gegen ihn wehren! In Wahrheit, liebe Bertha, leide ich durch die Art und Weise, wie man mit mir verfährt und über mich verfügen zu können glaubt, unsäglich. Ich werde nur glücklich sein, wo ich lieben kann. Es ist dies, liebe Schwester, keine leere Redensart, die ich hier niederschreibe. Mir ist, indem sie meiner Feder entfließt, als spräche ich mit dir;