Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 56 (1912)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Siegfried Kapper als Ghettodichter
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 523 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Siegfried Kapper als Qhettodichfer. 523 gerät durch sein Erscheinen in große Verlegenheit. Falk, der sich die Verlegenheit des Mädchens sofort zu erklären weiß, dringt in sie, daß sie sich ihm, wie einem aufrichtigen Freunde, anvertraue, daß sie ihn zum Dolmetsch zwischen sich und dem Vater mache. Und nun wird er in seiner Vermutung* daß Hanna einen andern als den jungen Friedheimer liebe, nur bestärkt. Wer der Erkorene ihres Herzens ist, erfährt er jedoch aus dem Blatt Papier, das ihm Hanna, statt ihm Rede zu stehen, reicht, und das einen unvollendeten Brief an ihre frühere Pensionatsfreundin und zukünftige Schwägerin Bertha darstellt. Diesen Brief benützt der Dichter, um seine Ansicht über die jüdischen Konvenienzehen, die auch aus anderen Stellen des Romanes hervorleuchtet, klar und offen auszusprechen. Er läßt Hanna seine Meinung in dem Briefe niederschreiben. Weil die eingeschaltete Epistel den Gipfelpunkt des ganzen Romanes bedeutet, so sei sie hier teilweise wärtlieh wiedergegeben. Zunächst wünscht Hanna ihrer Freundin zu ihrem Entschlüsse und zu dem Stande, dem sie entgegengeht, viel Glück. Dann rühmt sie in bescheidener Weise die Vorzüge ihres Bruders, um den sich Falk große Verdienste erworben hat. Sie schreibt: »Hätte er (Josef) der belebenden Nähe dieser warmen Seele (Falks) entbehrt, für die ich kein besseres Gleichnis weiß, als das einer Frühlingssonne, die überall, wohin ihr Strahl fällt, die schlummernden Kräfte weckt und ein frisches, schönes, blütenvolles Leben wachruft, er hätte vielleicht manches gelernt, aber der bessere Keim in ihm wäre nie zur Entwicklung gekommen, vielleicht sogar unter dem Einflusse mancher Kränkung und Beschämung zu Grunde gegangen. Falk ist wie wenige Menschen. Ich denke tausendmal darüber nach, ob er die Regel ist, wie die Menschen eigentlich alle sein sollten und nur deshalb nicht sind, weil Ideale überhaupt selten oder nie erreicht werden; oder eine Ausnahme, eine seltene Erscheinung, eine Sendung, wenn du willst, von der wir nicht wissen, woher sie gekommen, und zu der wir nur bewundernd hinaufschauen können. Auf mich wenigstens hat er den Eindruck einer solchen gemacht, und ich preise die