Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 56 (1912)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Siegfried Kapper als Ghettodichter
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 522 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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522 Siegfried Kapper als OheHodichter. ein Geschäft, das er mit diesem Großhändler aus der Haupt• stadt abschließen will. Während sich Josef den Weisungen des Vaters willig zeigt, sträubt sich Hanna, einen ungeliebten Mann zu nehmen. Der Vater ist über seine Tochter ganz entrüstet, doch kann weder er noch seine Frau die Tochter bewegen, dem für sie ausgesuchten Manne die Hand zum ewigen Bunde zu reichen. Dem alten Schönzweig ist die Handlungsweise der Tochter ganz unbegreiflich : »Was will sie? Was hat sie an dem jungen Menschen auszusetzen? — Nichts. — Ist er ihr nicht schön genug? Ein Mann wie aus einem Bild geschnitten. Ist er ihr nicht reich genug? Man schätzt den Alten auf eine halbe Million; alles ist einmal sein; will sie noch weiter hinauf?« Und auf den Hinweis der Mutter, daß ihn das Mädchen nicht liebe, ruft Schönzweig entrüstet: — »Lieben! Was heißt lieben? Seit wann ist so was erhört worden?« Und auf die abermalige Bemerkung der Frau, daß sichs Hanna einmal in den Kopf gesetzt habe, fährt er sie an: »Was heißt, sich in den Kopf gesetzt hat? Seit wann darf sich ein Mädel etwas in den Kopf setzen? In meiner Zeit hätte man einem Mädel den Kopf umgedreht, die sich etwas in den Kopf gesetzt hätte 1 Sich in den Kopf setzen! Lieben! Wie darf sich jemand für mein Geld etwas in seinen Kopf setzen? An dem allen sind nur die verdammten Bücher schuld. Ich wollte, es hätte keines meiner Kinder sein Lebtag ein ABC kennen gelernt!« Trotzdem Schönzweig mit dem Wissen seiner Kinder auch den Urheber dieses Wissens verdammt, bleibt ihm doch nichts anderes übrig, als diesen um seine Hilfe zu bitten. Schönzweig kommt nämlich auf den Gedanken, daß nur Falk, der auf alle Kinder im Hause großen Einfluß hat, bei Hanna etwas ausrichten könne. Der Hauslehrer erklärt sich bereit, doch wartet er mit der Unterredung bis zum nächsten Tage, an dem Schönzweig verreisen soll. Als er in Hannas Zimmer tritt, schreibt sie gerade einen Brief und