Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 56 (1912)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Siegfried Kapper als Ghettodichter
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 516 (sequence 4)
- Language
- German
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$16 Siegfried Kapper als Ghettodichter. in eine andere Stadt zu verlegen. Nachdem er 1859 als freiwilliger Arzt den Feldzug nach Piemont und der Lombardei mitgemacht hatte, übersiedelte er 1860 nach Jungbunziau. Dort erwarb er sich durch den Freimut, mit dem er für den nationalen Fortschritt und gegen die bureaukratischen Maßregelungsversuche eintrat, solches Vertrauen der Bürger, daß er in den Stadtrat berufen wurde. Das Kriegsjahr 1866 hat ihn arg mitgenommen. Infolge der allgemeinen Entwertung der Valuta und der Staatsfonds kam er um den größten Teil seines Vermögens, und sein Erwerb war trotz der angestrengtesten Praxis auf Null herabgesunken. Der größte Schlag traf ihn aber, als er selbst von der Epidemie heimgesucht wurde und längere Zeit gefährlich krank darniederlag. Von seinem Berufe befriedigt und mit seinem Dasein zufrieden war Kapper erst in Prag, wo er sich 1867 niederließ. Seine einträgliche Praxis nahm ihn nur 4 Stunden täglich in Anspruch, die übrige Zeit konnte er seinen literarischen Arbeiten widmen. Er verstand es auch, sich in die Prager literarische Gesellschaft Eingang zu verschaffen, und zählte bald die berühmten tschechischen Dichter Hälek und Neruda zu seinen Freunden. Leider war es Kapper nicht vergönnt, sich dieser Zufriedenheit lange zu erfreuen. Im Jahre 1875 erkrankte er an einem Lungenleiden und erlag ihm am 7. Juni 1879 in Pisa, als er sich gerade auf einer Italienreise befand. Die Ent s teh u n g der Ghettogeschichten im allgemeinen wie auch der von Kapper haben wir uns aus der Zeit heraus zu erklären. Sie erschienen damals, als auf der Bühne und in der Presse das Schlagwort de r Emanzipation laut ertönte und die Forderung der Gleichberechtigung alles dessen, was Menschengesicht trägt, in Staat und Gesellschaft erhoben wurde. In dieser Zeit traten auch nichtjüdische Schriftsteller mit warmer Begeisterung für die Rechte der Juden ein und suchten diese