Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 56 (1912)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die Grundlagen einer jüdischen Ethik
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 486 (sequence 9)
- Language
- German
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486 Die Grundlagen einer jüdischen Ethik. Geschlecht heran, das des Unterganges wert ist Auf der richtigen Ausbildung des Kindes beruht darum die ganze Zukunft und die ganze Entwickelung des jüdischen Volkes. Dieses sucht uns ein Midrasch; in folgender Allegorie klar zu machen : Bevor Gott dem Volke Israel die Tora anvertraute, forderte er dieses Volk auf, ihm Bürgen dafür zu stellen, daß sie die Tora getreulich halten werden. »Unsere Stammväter mögen unsere Bürgen sein«, antwortete Israel. »Sie genügen mir nicht«, erwiederte hierauf Gott. »Dann mögen unsere Propheten für uns bürgen«, entgegnete das Volk. *Auch diese genügen mir nicht«, sprach Gott. »So mögen unsere Kinder für uns Bürgen sein«, sagten die Israeliten. »Diese Bürgen sind mir angenehm«, versetzte Gott, »den zarten und unschuldigen Kindern vertraue ich gern mein Wort an«1). Drei vorzügliche Lehren enthält dieser herrliche Midrasch. 1. Häufig pocht ein Geschlecht zu sehr auf seine ruhmreichen Vorfahren und vergißt dabei das geistige Erbe seiner verdienstvollen Väter. Ein Volk kann dje berühmtesten Ahnen haben und dennoch nichts taugen und vollständig unfähig werden, Träger hoher Ideale zu sein. Ein war* nendes Beispiel hiefür bietet uns das heutige verkommene Volk der Griechen im Vergleich zu seinen glorreichen Ahnen. 2. Den Wert eines Volkes kann man nicht nach einem einzelnen Manne bemessen, denn die Bildung und Kultur eines sonst niedrig stehenden Volkes kann durch einen vereinzelt dastehenden Propheten oder hervorragenden Philosophen kaum beeinflußt werden. So sehen wir, daß z. B. im klassischen Altertum der kleine Staat Abdera, trotzdem dort der berühmte Philosoph Demokrit gelebt hatte, dennoch vollständig unwissend und dumm blieb. 3. Das Judentum macht nur dann Fortschritte und ist nur dann wert, Träger hoher Ideale zu sein, wenn *) Schir ha-Schirim rabba zu 1, 4.