Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 56 (1912)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die Juden in der Marienlegende
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 412 (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
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412 Die Juden in der Marienlegende. Stellungen der gleichen Sache aufweisen. Das eine Gedicht nennt Pamphilus (von Gengenbach) als Verfasser und ist von Goedeke mit dessen Werken neugedruckt. Das andere ist anonym und nennt sich: »Entehrung und Schmach der Bildung Mariae von den Juden bewiesen«, und ist nach dem Exemplar der Michelstädter Kirchenbibliothek im Jahrbuch für Geschichte, Sprache und Literatur Elsaß-Lothringens1) von Adam Klassert neugedruckt worden. Klassert glaubt nachweisen zukönnen, daß die »Entehrung und Schmach« von Thomas Murner verfaßt und daß der vorliegende Druck von Hupfuff in Straßburg im Jahre 1515 hergestellt ist. Das mir vorliegende Exemplar der Königlichen Bibliothek zu Berlin2) scheint mit dem Michelstädtischen identisch zu sein. Die ganze Art der Erzählung zeigt, daß der erste Teil des Gedichtes, das von der Geschichte von der Hennegauischen Marienbilddurchbohrung handelt, auf eine dramatische Dar- Stellung des Vorganges zurückgeht, ähnlich wie das Endinger Judenspiel, auch wenn nicht Le Waitte ausdrücklieh bezeugen würde, daß die judaica tragoedia erst alljährlieh, dann alle drei und seit 1500 alle sieben Jahre aufgeführt worden sei3). Die »Entehrung und Schmach« hat zum Ausgangspunkt ein Gemälde genommen, das die Hennegauische tragoedia judaica darstellte. Dieses Gemälde ist nach einem Original, das Kaiser Maximilian als Wallfahrtsgast in Cambron gesehen hatte, als er dort in seinen Erblande weilte, auf Befehl des Kaisers gemalt und in der Franziskanerkirche zu Kolmar aufgestellt worden. Der Kaiser ließ das Cambroner Gemälde wiederherstallen und die neue Kopie anfertigen, weil er beim Anblick des Bildes über die Missetat des Juden in höchstem Maße empört war. Murner, der selbst Franziskaner war, hat das Kol- 1) Jg. 21, Straßburg 1905, S. 78 ff. 2) Signatur: Yg 6741. 3) A. Le Waitte, Historia Camberonensis, Paris 1672.