Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 56 (1912)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die Juden in der Marienlegende
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 402 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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402 Die Juden in der Marienlegende. Es ist gewiß sehr wertvoll aus Akten und Geschäftspapieren zahlenmäßig den Anteil der Juden an dem Geldverkehr nachzuweisen, die wirtschaftlichen Gründe für die Ver- Schiebung der Stellung der Juden zu ihren Umwohnern klar zu stellen, aber das ändert nichts an der Tatsache, daß die Verachtung der Juden und die grundsätzliche Feind- Schaft gegen sie religiösen Beweggründen entspringen. Die Zeitgenossen selbst haben ihre Gründe zweifelsohne besser gekannt als wir, und wir müssen ihren Angaben Glauben schenken. Die Erzählungen in den Legenden und von den Wundern galten dem Mittelalter als wirkliche Tatsachen und hatten deshalb die Wirkungen von Tatsachen. Darum kommt die blutige Judenverfolgung erst dann zu einem gewissen Stillstand, als durch die Reformation ihre dogmatischen Grundlagen ebenso in der Theologie wie in der Rechtslehre erschüttert sind, ohne daß die Reformatoren selbst den spätmittelalterlichen Standpunkt gegen Juden und Judentum auch nur um Haaresbreite verlassen hätten. Der Sprachgebrauch des christlichen Mittelalters ließ die Juden von vornherein der Mißachtung anheimfallen. Während die christliche Religion fides Christiana heißt, wird der jüdische Glaube perfidia Iudaeorum, seine Lehrer doctores iudaei perfidi genannt. Die christliche Kunst stellt die blinde und versklavte Synagoge der majestätischen Kirche gegenüber. Die christliche Lehre sieht in den Juden die verworfenen Nachkommen der Gottesmörder, die auf sich und ihre Nachkommen die Strafe für den Gottesmord herabbeschworen haben. Sie lehrt, daß sie nicht eher der Rechtslosigkeit und Verfolgung entgehen, als bis der Herr zurückkomme in seiner Herrlichkeit, derselbe Herr, den sie gekreuzigt hätten. Und man hilft um so eher dieser Gottesstrafe nach, als die Verfolgten außerhalb der Rechtsbegriffe stehen, da sie ihr Recht als Nation verloren hätten, als das Römische Reich sie durch Titus aus dem eigenen Land