Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 56 (1912)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die Juden in der Marienlegende
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 400 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/2829132-2829843-2829848-2891579--39683-2891614- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
400 Die Juden in der Marienlegende. so bedeutsam wurde, ist das treibende Moment die katholische Glaubenslehre. Die Gleichsetzung der geweihten Oblate mit dem wirklichen lebendigen Jesus, die durch die Transsubstantiationslehre bedingt wird, hat den Grund und die Anlässe zu der oft wiederkehrenden Anschuldigung gegeben, daß die Juden, um die Kreuzigung und Marter Christi wiederholen zu können, sich in den Besitz geweihter Hostien zu setzen bemühen, um an der in den wirklichen Leib Christi verwandelten Oblate die Passionsgeschichte zu wiederholen. Daß hierbei von den Juden die Überzeugung von der Richtigkeit der katholischen Dogmatik vorausgesetzt werden muß, hat die glaubenseifrigen Verfolger nie beirrt. Führt doch der neuzeitliche katholische Theologe die von ihm als Tatsache angenommene Feindseligkeit der Juden gegen Maria auf solche Hartnäckigkeit zurück, die als williges Werkzeug des Satans gegen bessere Überzeugung die Jungfräulichkeit der Gottgebärerin böswillig leugnet Solche Hostienbeschuldigungen wie in Berlin sind im ausgehenden Mittelalter sehr häufig. Ich erinnere nur an Deggendorf in Niederbayern (1337), Korneuburg in Nieder- Österreich (13. Jahrh.) und vor allem an Sternberg in Mecklenburg (1491). Bei der Berliner Judenverfolgung spielt nun aber auch der Marienglaube eine Nebenrolle, die freilich darum nicht übersehen werden darf. Der Rat von Brandenburg1) hat den Juden Jakob, der bereits im Brandenburger Gefängnis Marienerscheinungen hatte, »mit eyseren Kethen und vessern an seinen halß, an beynen, und auch an seynen henden mit einem gutem dhawmstock, daran sonderlich zwey slösser gewest seyn wol bewaren lassen, und haben in uff einen wagen gein Berlin geschickt.« Unterwegs ruft der Jude den Knechten zu, »wie Maria die edel *) Ditzs ist der warhafftig Sumarius der gerichts hendel unnd proceß .. . 1511, abgedruckt bei: Friedrich Holtze: Das Strafverfahren gegen die märkischen Juden im Jahre 1510. Berlin 1884. (Schriften des Vereins für die Geschichte Berlins, H. 21, S. 62 f.).