Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 56 (1912)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die Juden in der Marienlegende
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 386 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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3S6 Die Juden in der Marienlegende. Verwandtschaft mit dem Baumkultus, an den angeknüpft wird, ist hier nicht der Platz zu erörtern. Das Wunder, daß Reliquiendiebe den Ort nicht verlassen können, ist dem Altertu me durchaus geläufig und also, wie die meisten christlichen Mythen, nicht erst auf dem Boden des Christentums erwachsen. »Reliquiendiebe werden unzählige Male festgebannt«1). In ähnlicher Weise werden Soldaten Alexanders des Großen, die das Kultbild der Demeter von Milet rauben wollen, durch Feuer geblendet2 *). Am Tore von Capua findet sich ein Marienbild; eine Jüdin steht um Mitternacht auf »et ante beatam effigiem Domine feda tributa dedit«. Sie wird von zwei Teufeln ergriffen; im Sterben erzählt sie ihre Qual und deren Ursache. Eine andere Jüdin speit das Bild an; sie wird von einem Wolfe zerrissen8). Johannes Gobii (XIV. Jahrh., erste Hälfte) erzählt in seiner Scala coeli, daß ein Jude ein Schwert in das Bild Marias mit dem Kinde bohrt. Blut fließt heraus, er wirft das Bild in den Brunnen. Die Christen holen das Bild hervor, und man findet die blutende Wunde an der Brust; noch heute ist sie zu sehen. Der Jude bekehrt sich4). Diese Legende ist mit der von dem verschleierten Marienbild in der Basilica Lucerna verwandt, die, soweit man sie zurückverfolgen kann, ausGregors vonToursBüchern überdie Wunder stammt und bei Johann Eck folgendermaßen lautet: Zu Constantinopel ist ain Jud gange in S. Sophien kirche hat da gesehen ain bild Christi: vnd wie er niemants vmb sich hat gesehe: da hat er das Bild in halß gehawen: vn bald ist blüt her auß gespritzt | auff des Juden haupt vnd vnder das antlitz: darob der Jud erschrocken | das bild genommen vnd in brunnen gestürzt: vnd wie er daruon *) Ernst Schmidt, Kultübertragungen. Gießen 1909. S. 104. 2) Lactantius, Divinae institutiones. II, 7, 19. s) Mussafia a, a. O. III. S. 18. *) Ebenda. III. S. 42 f.