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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1912-01-01 · Heft 3 · p. Seite 374

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
56 (1912)
Issue
Heft 3
Article
Die Grundlagen einer jüdischen Ethik
Date
1912-01-01
Page
Seite 374 (sequence 16)
Language
German
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374 Die Grundlagen einer jüdischen Ethik, die man heutzutage nur noch den verkommensten Mördern zutraut, scheint sich das obige Gesetz: »Auge um Auge usw.c zu richten. Um solche Verbrechen, die mit voller Absicht begangen wurden, für immer auszurotten, mußte von seiten des. israelitischen Gerichts mit den schärfsten Strafen vorgegangen werden, da gegen rohe, blutdürstige Gemüter nur die Abschreckungstheorie in Anwendung gebracht werden kann, wenn die Strafe eine gerechte Sühne sein soll. Daher hat Tertullian1) Recht, wenn er sagt, daß das biblische Gesetz: »Auge um Auge« nur folgenden pädagogischen Zweck hatte: »Die Furcht schränkt das Böse ein.« Mit der allgemeinen Verbreitung der humanen biblischen Lehren unter dem israelitischen Volke ist auch der heidnische, grausame, an den Feinden geübte Brauch bald in Israel geschwunden, und dadurch hat das altbiblische Gesetz : »Auge um Auge« unwillkürlich eine andere, übertragene Bedeutung erhalten. Der Satz: »Auge um Auge usw.« ist bereits mehrere Jahrhunderte vor Christi Geburt zu einer Rechtsformel, zu einer »Rechtsparömie« erstarrt, welche nichts anders bedeutet, als daß für eine absichtlich begangene Untat ein entsprechender Schadenersatz an Geld geleistet werde. Daher weiß bereits liehen Feinde einst ein ähnliches Geschick treffen möge (vgl. Ps, 137, 8 f.). »Niemand ist für Worte verantwortlich, die das Leid der Verfolgung ihm ausgepreßt haben« (Baba batra 16). Daher ist es begreifiieh, daß selbst in unserer kultivierten Zeit wärend des deutschfranzösischen Krieges 1870/71 racheschnaubende Lieder entstanden. So lautet ein Vers : »Schlag ihn tot, Patriot, mit der Krücke, ins Genicke!« Ebenso heißt es in einem französischen Racheliede am Schlüsse: »Inzwischen bis es so weit kam, laßt hassen uns und morden.« Selbst ein Victor Hugo läßt sich unter dem Eindrücke der schlimmen Ereignisse zu den Worten verwildeter Leidenschaft hinreißen: »Vergiftet die Brunnen, erschlagt die Schlafenden, Nehmt Sensen, Beile, Mistgabeln, sie zu töten.« (s. M. Lazarus, Etkik I, 377•) J) Tertullian, Adversüs Marcionem II, 18.

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