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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1912-01-01 · Heft 3 · p. Seite 373

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
56 (1912)
Issue
Heft 3
Article
Die Grundlagen einer jüdischen Ethik
Date
1912-01-01
Page
Seite 373 (sequence 15)
Language
German
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Die Grundlagen einer jüdischen Ethik« 373 schiedenen heidnischen Völkern praktisch angewendet worden. Während jedoch jene heidnischen Gesetzbücher voll grausamer Bestimmungen sind, weht in der Bibel ein humaner Geist. Weder in dem älteren noch in dem jüngeren jüdischen Schriftum ist überhaupt eine Spur vorhanden, daß die Formel »Auge um Auge« nach ihrem buchstäblichen Wortlaute zur Ausführung gelangt ist. Angenommen, daß diese Rechtsformel noch im ältesten biblischen Zeitalter wörtlich angewandt worden wäre, so war sie für die damalige Zeit durchaus entsprechend und notwendig, denn im heidnischen Altertum herrschte bekanntlich bei den verschiedensten Völkern der grausame Brauch* daß man seinem Feinde, sobald man dessen habhaft wurde, den Körper verunstaltete, indem man mit kalter Überlegung einzelne Gliedmaßen erbarmungslos abschnitt1). Gegen diese Unsitte *) So wollten die Ammoniten allen Einwohnern der israelitisehen Stadt Jabes das rechte Auge ausstechen (I. Sam. c. 11). Der babylonische König Nebukadnezar stach dem Zedekia beide Augen aus (II. Kön. 25, 7); vgl. ferner Richter 1, 6; 16, 21; Exoä. rabbä 30, 11, Ez 23, 25; Jos. Antiqu. Vl, 5, 1. Der fromme assyrische König Asurbanipal berichtet, daß er einem besiegten Fürsten lebendig die Haut abzog und einen anderen Fürsten eigenhändig die Zunge ausriß. »Auf Geheiß des Gottes Aschur und der Belit machte ich mit dem Fleischmesser, das von meiner Hand gefaßt war, in die Backe des gefangenen Königs ein Loch und zog durch sein Kiefer einen Strick legte ihm ein Hundehalsbahd an und ließ ihn am Osttor von Ninive den Käfig hüten« (vgl. E. Mader, Die Menschenopfer der alten Hebräer, Freiburg Br. 1909). Dieses Werk enthält zahlreiche Beispiele von der grausamen Behandlung der Feinde im Kriege. Frauen und Kinder der besiegten Feinde haben die Assyrer oft verbrannt und Türme aus äbgeschnittenen Köpfen und halblebenden Menschenleibern rings um die Stadtmauer errichtet. Daher ist es auch erklärlich, wenn ein israelitischer Dichter, der bei der Einnahme Jerusalems mitangesehen hat, wie die grausamen Babylonier die gefangenen Krieger niedermetzelten, die hilflosen Frauen samt ihren unschuldigen Kindern mitleidlos zu Tode quälten und das Heiligtum ungestraft entweihten, bei der lebhaften Erinnerung an all’dieses erduldete Leid und Weh sich den Rachewunsch entfahren läßt, daß diese ümhensch-

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