Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 56 (1912)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Die Grundlagen einer jüdischen Ethik
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 372 (sequence 14)
- Language
- German
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372 Die Grundlagen einer jüdischen Ethik. seinen Nebenmenschen als Feind betrachte und hasse?* *1X »Hast du deinem Nächsten nur ein sehr geringfügiges Leid zugefügt, so sei dieses in deinen Augen sehr groß; fügt; jedoch jemand dir ein sehr großes Leid zu, so sei dieses in deinen Augen sehr geringfügig«*). E) »Auge um Auge.« Trotzdem wird von den Gegnern des Judentums immer wieder behauptet, das Judentum lehre die Wieder- Vergeltung, die Rache an dem Feinde, da es ja in der Bibel heiße: »Auge um Auge, Zahn um Zahn, Hand um Hand,. Fuß um Fuß, Brandmal um Brandmal, Wunde um Wunde, Strieme um Strieme«®). Dieser Satz: scheint ja in völligem Widerspruch zu unseren bisherigen Ausführungen zu stehen? Die Annahme, daß infolge der großen Ähnlichkeit dieser Worte mit der babylonischen Rechtsentscheidung des Codex Hammurabi der biblische Satz ebenso wörtlich zu nehmen wäre, wie im babylonischen Rechte, ist völlig; Unberechtigt. Im babylonischen Rechtsbuch heißt es: »Wenn jemand einem andern das Auge zerstört, so soll man ihm sein Auge zerstören; wenn er einem andern einen Knochen zerbricht, so soll man ihm seine Knochen zerbrechen; wenn jemand die Zähne von einem seines gleichen ausschlägt, so soll man seine Zähne ausschlagen.« Diese Rechtsauffassung, dem Verbrecher dieselbe Körperverletzung beizubringen, die er einem andern zugefügt hat, findet sie auch in dem ältesten römischen Gesetzbuch, dem Zwölftafel־ gesetze (um 440 v. Chr.) unter dem Namen i u s ta 1 i o n i s*).. Dieser Rechtsspruch ist also in ältester Zeit von ver- ב) Pessachim 113 b. s) Abot di R. Natan c, 41. Unrichtig sind daher die Worte des N. T., daß das Judentum lehre: »Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen« (Matth. 5, 43). s) 2. M. 21, 24-25; 3. M. 24, 19 ff.. *) Nach Solon soll derjenige, der einem Einäugigen das sehende Auge ausgeschlagen hat, beide Augen verlieren.