Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 56 (1912)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Die Grundlagen einer jüdischen Ethik
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 369 (sequence 11)
- Language
- German
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Die Grundlagen einer jüdischen Ethik. 369 Kultur: »Sehe ich alle die Zänkereien und das widerwärtige Ausschimpfen jedes Gegners, die uns die Zeiturigeh' der verschiedenen Parteien täglich auftischen, so muß ich oft denken ... Wie tief stehen wir heutzutage, und mit Wie großer Berechtigung könnten die »Wilden« verräcfttlich auf uns herabsehen, wenn sie erführen, daß matt sich bei uns sogar in der öffentlichen Presse der gemeinsten Schimpf- Wörter bedient« (S. 84). »Und doch lasseri wir uns nicht abschrecken und machen noch irtimer viel Redens davon, daß wir den armeri Wilden die Segnungen des Christentums bringen« (S. 298). Der berühmte christliche Maler Anselm Feuerbach mahnt, nach folgendem Grundsatz zu handeln: »Wenn dich einer auf die rechte Backe schlägt, so gib ihm dafür zwei auf die linke«1). Da das Judentum nur erreichbare Ziele vor Äügen hat und mit den tatsächlichen Bedingungen des Lebens rechnet, hat es auf überschwängliche Ideale verzichtet; die im Widerspruch zu den menschlichen Anforderüngen und Kräften stehen. Man kann nun einmal einen niederträchtigen Menschen, der einem ohne jeden Grund ein schweres Unrecht zugefügt hat, nicht lieben. Für die Behandlung des Feindes soll uns der Grundsatz Hiilels die Richtschnur bieten: »Alles, was dir unerwünscht erscheint, das füge deinem Nächsten nicht zu«2). Dem- ג) A. Feuerbach: Ein Vermächtnis. 11.—14. Aufl. Berl. 1911, S. 258. 2) Schabbat 31 a, Targ. Jon. Lev. 19, 18, vgl. Tobias 4, 15. Auch das N. T. hat diese jüdische Lehre übernommen, Matth, 7,12 Luc. 6, 31. Ähnliche Lehren treten auch im späten altindischen, vom Buddhismus beeinflußten Schriften auf, so Pangatantra III, 104 (ed. Kosegarten, 1848, S. 166, 11) : »Höret der Tugend Hauptinhalt und beherzigt, was ihr höret: Was dir selber zuwider ist, füge nicht andern zu.« Yajnavalkya III. 65: »Was einem selbst unangenehm ist, das füge er auch andern nicht zn;« Lalitavistara I, 5: »Gunst übe ich an andern gleichwie an dem eigenen Selbst.« Ähnlich heißt es in der armenischen Version der Achikar-Erzählung: »Was dir übel 24 Monatsschrift, 56. Jahrgang.