Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 56 (1912)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Die Grundlagen einer jüdischen Ethik
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 367 (sequence 9)
- Language
- German
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Die Grundlagen einer jüdischen Ethik. 367 über mich erbarmt hat, als er mich und meinen Esel in Bedrängnis sah.« Infolgedessen kehren sie ins nächste Gasthaus ein, essen und trinken zusammen und werden einander Freunde.« »Der Haß, der durch Liebe ganz überwunden wird, geht in Liebe über, und die Liebe ist dann größer, als wenn kein Haß vorhergegangen wäre«1). »Wenn wir in die Lage kommen, daß sowohl ein Freund als auch ein Feind zu gleicher Zeit unserer Hilfe bedürfen, so sind wir verpflichtet, zuerst dem Feinde zu helfen, um unsern bösen Trieb, die Rachsucht, niederzuzwingen«2 *). Das Judentum gebietet somit, edel an dem Feinde zu handeln. »Derjenige, der sich weidet an dem Unglück seines Mitmenschen, ist ein vollständiger Bösewicht«8). Ein höheres moralisches Gesetz hinsichtlich der Behandlung seines Feindes kann selbst die heutige moderne Ethik nicht aufstellen, denn der sittliche Mensch kann sich nur bis zu der Höhe emporschwingen, seinen Feind gerecht und edel zu behandeln. Dagegen widerspricht es der gesunden Menschennatur, einen Menschen, der sich durch eine niederträchtige Handlungsweise verhaßt gemacht hat, zu lieben. Selbst Jesus und seine Jünger, die gelehrt haben: »Liebet eure Feinde«, haben nach diesem Satze nicht gehandelt! So sagt Jesus: »Doch jene meine Feinde, die nicht wollten, daß ich über sie herrschen sollte, bringet her und erwürget sie vor mir«4 5); ferner: »wer einen der Kleinen ärgert, die an mich glauben, dem wäre es besser, daß ihm ein Mühlstein an seinen Hals gehängt würde und er in das Meer geworfen würde«6). Petrus flucht dem Simon: »Mögest du verdammt werden mit deinem Gelde«6). 1I Spinoza, Ethik III, 43, 44. s) Baba mezia 32 b. 8) Jelkut zu 3 M. 19, 17. ף Luc. 19, 27. 5) Matth. 18, 6; Marc. 9, 42; Luc. 17, 1 f. 6) Aposteigesch. 8, 20.