Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 56 (1912)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Die Grundlagen einer jüdischen Ethik
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 363 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2829132-2829843-2829847-2891437--39642-2891556- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Die Grundlagen einer jüdischen Ethik. 363 ohne Murren soll man die grausamen Unterdrückungen seiner Feinde ertragen und sie als Prüfungen Gottes ansehen. »Zum Heile gereicht es dem Manne, der seinem Schläger die Wange bietet, die Schmach reichlich erträgt, denn nicht auf ewig verwirft der Herr. Wenn er betrübt hat, so erbarmt er sich unser in seiner reichen Huld«1 * *). »Meinen Rücken bot ich den Schlägern und meine Wangen dem Raufenden dar, aber Gott steht mir bei, darum werde ich nicht zur Schmach«*). »Heil dem Menschen, der Beleidigungen gelassen anhört und schweigt«8). Das Judentum fühlte einen erhabenen Stolz darin, nicht nur Träger, sondern auch Dulder für die göttliche Lehre zu sein, in welcher sich die Ewigkeit abspiegelt, und an welcher sich die Völker allmählich zur Gotteserkenntnis und zur Gesittung heranbildeten. »Es ist besser zu den Unterdrückten als zu den Unterdrückern zu gehören. In der zahlreichen Familie der Vögel ist keiner mehr unschuldig unterdrückt und von dem Stärkeren verfolgt als die Taube, und gerade diese hat Gott zu seiner angenehmsten Opfergabe bestimmt«4). »Gehöre zu den Verfolgten und nicht zu den Verfolgern, höre Schmähungen an und erwidere sie nicht, tue alles aus Liebe zu Gott und habe selbst bei deinen Leiden frohe Zuversicht«5 6 *). So sehen wir im Judentum die seltsame, erhebende Erscheinung auftreten, daß der Verfolgte moralisch seinem mitleidlosen Feinde überlegen wurde, daß der Gepeinigte fast Mitleid hatte mit seinem *) Klag. 3, 27-32. 8j Jes. 50, 6—7. ״) Sanhedrin 7 a. Vgl. auch Baba kamma 92: »Nennt dich jemand einen Esel, so nimm ruhig diesen Schimpf auf dich.« *) Baba kamma 93 a. 6) Schabbat 88 b, Joma 23 a, Gittin 36 b, vgl. auch Maimonides Komm, zu Pirke Abot 5, 12: »Der Dulder, dessen Geduld’ über* aus groß ist, so daß er gar kein Gefühl für Zornesaufwallungen hat, wird fromm genannt, wer aber die schlechte Eigenschaft der schnellen Zorneserregung hat, ist ein Frevler.»