Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 56 (1912)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Die Grundlagen einer jüdischen Ethik
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 362 (sequence 4)
- Language
- German
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362 Die Grundlagen einer jüdischen Ethik. war ich etwa fröhlich, wenn ihn ein Unglück traf? Niemals hat mein Mund gegen ihn gesündigt dadurch, daß ich ihm etwa fluchte oder sein Leben verwünschte«1). »Möge man dir fluchen, fluche du nur nicht«2 *). Rabbi Meir wurde, wie der Talmud*) berichtet, oft auf dem Wege nach dem Lehrhause von bösen Menschen angefallen. Müde der fortwährenden Belästigungen, kehrte er eines Tages ganz gegen seine Gewohnheit voll Zorn nach Hause zurück und begann in seiner aufgeregten Stimmung zu Gott zu beten, jene Schurken mögen bald dahingerafft werden, um endlich einmal vor ihnen Ruhe zu haben, ln diesem Augenblick betritt seine kluge Frau das Zimmer, hört noch sein Gebet und in strengem Tone wirft sie ihrem Gemahl vor: »Dein Gebet verstößt gegen die heilige Lehre, da diese nur die Vernichtung der Sünde, aber nicht der Sünder gebietet4); bete also für die Besserung der Sünder, nicht aber für ihren Tod.« »Über keinerlei Unrecht grolle deinem Nächsten«5). R. Jehoschua b. Lewi wollte einen Ketzer, der ihn täglich quälte, verfluchen. Da wurde er plötzlich vom Schlafe übermannt. Als er erwachte, sagte er: »Gott hat mich deshalb an meinem Vorhaben gehindert, weil es sich für den Frommen nicht geziemt, so zu handeln«6). »Wer die Strafe Gottes auf seinen Nebenmenschen herabfleht, wird zuerst bestraft«7). Der Rabbi Mar bar Rabina pflegte stets sein tägliches Gebet mit folgenden Worten zu schließen: »Mein Gott, bewahre meine Zunge vor Bösem und meine Lippen vor Trug, meinen Fluchern schweige meine Seele, und meine Seele sei demütig gegen alle«8). Geduldig 1) Hiob 31, 29-30. 2) Sanhedrin 49 a. *) Berachot 10 a. ף Vgl. Ez. 18, 23; 33, 11. 5) Sirach 10, 6. s) Aboda sara 4 b. ז) Baba kamma 93[a. s) Berachot 16 b.