Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 56 (1912)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Die Juden in der Marienlegende
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 271 (sequence 15)
- Language
- German
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Die: Jaden in der Marienlegende. 271 verzweifelte Mutter ruft nach ihm. Da fängt der Knabe an, »Erubescat Judaeus« zu singen. Man gräbt ihn aus und findet ihn unversehrt. Ganz ähnlich ist die Legende von dem Knaben, der das Responsorium »Gaude Maria« zu singen pflegte. Ein Jude tötet ihn und begräbt ihn in seinem Hause; die Mutter kommt auf der Suche nach ihrem Sohne vor das Haus des Juden und hört ihn »Gaude Maria« singen; der Jude leugnet etwas zu wissen; man gräbt nach und findet den Knaben lebend im Grabe. Bei Gautier de Coincy findet man den Knaben, dem der Jude mit einem Knüttel den Schädel zermalmt hat, gesund und frisch wie eine Kirsche in einem Graben, in dem er sein »Gaude Maria« singt. Eine schöne Dame, so berichtet er, habe ihn aus dem Schlafe geweckt und ihn ob seiner Faulheit getadelt. Er solle nur sein »Gaude Maria« singen. Es folgt ein großes Freudenfest in der Stadt und viele Juden bekehren sich1). Das Gedicht ist sehr eindrucksvoll. Von keiner grundsätzlichen Bedeutung ist eine andere Legende. Ein Kleriker will die Liebe einer Jüdin erlangen. Quidam clericus maligne succensus amoris igne Judeam coepit rogare, ut eum vellet amare. Eine Marienstatue wird von ihm ihres goldenen Schmuckes beraubt. Durch den Mund eines Knaben erfährt man, wer der Missetäter ist, und wo er sich versteckt hält2). Gelegentlich ergreift das Marienbild das Wort gegen den Juden der von seinem Schuldner zum zweiten Male *) G a u t i e r de Coincy a. a. O, Sp. 555—572. *) Mussafia a. a. O. I, S. 87.