Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 56 (1912)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Die Juden in der Marienlegende
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 268 (sequence 12)
- Language
- German
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268 Die Juden in der Marienlegende. daß Maria die dort begrabenen Judengebeine herausschütte. Der Bischof nimmt die Bedingung an und befiehlt seinem Volke zu fasten. Und siehe in der Frühe des folgenden Tages findet man alle Judengebeine außerhalb der Friedhofsmauer. Der Ort wurde durch dieses Wunder berühmt, zum großen Nutzen der Christen, nicht der Juden. Zum Schluß wiederholt Gumppenberg noch einmal seine Berufung auf Papst Coelestin. Der Ort bleibt ungenannt. Der heilige Nikolaus kam auf seiner Wanderfahrt, die eine Wunderfahrt ist, nach Otranto. Es war aber bei den Einwohnern von Otranto Sitte, das Bild der ruhmwürdigen Jungfrau mit Psalmen und Lobgesängen in feierlichem Zuge von Kirche zu Kirche zu bringen und Vergebung der eigenen und Aller Sünden zu heischen. Als nun eines Tages die Litaneien gefeiert wurden, und der Heilige im Gefolge der Prozession mit den übrigen Kyrie eleison sang, begegnete er einem alten Manne, welchen er begrüßte und sagte: »Sei gegrüßt, mein Bruder und Herr, der du mit mir eines Schöpfers und eines Stoffes bist,« und umarmte ihn. Jedoch die Christen, die zugegen waren, sagten: »Seht doch, wie er Juden küßt und grüßt!« Da stellten sie das Bild der jungfräulichen Gottesmutter neben ihn nieder und sagten: »Abba, huldige unserer Herrin, der Gottesmutter.« Der wollte ihren Worten nicht willfahren. Aber sie schlugen ihn ein wenig und sagten zu ihm: »Bete an, Abba.« Der jedoch sagte: »Ich will sie nicht anbeten.« Als er aber von ihnen viele Stöße und Schläge erhalten hatte, erhob er sich plötzlich von der Erde und begann Hymnen, Danksagungen und Loblieder auf sie zu singen und schrie mit zum Himmel verdrehten Augen: »Ruhm dir, Herrin; Ruhm dir, Herrin der Welt und Königin: weil wegen deines hochgelobten Namens und Ruhmes heute meine Seele glorifiziert worden ist«1}. ») AASS. Boll. Ed. nov. Jun. T. 1, 1867. S. 235.