Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 56 (1912)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Die Juden in der Marienlegende
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 262 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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262 Die Juden in der Marienlegende. mit ihrem Bilde aufs innigste verknüpft. Das Bild ist der Mittler zwischen dem Menschen und Maria, wie diese selbst die Mittlerin zwischen den Erdenkindern und Gott. Wer das Marienbild verletzt, beschimpft oder nur scheel ansieht, trifft damit Maria selbst, die zwar als Mutter der Barmherzigkeit angesehen wird, aber dem mittelalterlichen Empfinden gemäß für solche Frevel Rache nimmt und an Leib und Leben Vergeltung übt. An die Marienbilder sind die Wunder geknüpft, die von Maria ausgehen und die ihr Wiedererscheinen unter Zeichen und großen Taten bedingen, Die Beraubung, Verletzung, Verspottung, Verstümmelung, Fortschaffung von Marienbildern und ihre Folgen füllen viele dicke Bände. Noch heute erzeugen diese Vorstellungen wie früher eine üppig emporwachsende marianische Litteratur. In allen möglichen Formen antworten die Bilder auf die ihnen zugefügte Schmach. Die Wundertränen und das Wunderblut der verletzten Bilder gelten als kostbare, selbst wunderwirkende Reliquien. Aber die Bilder schreien und klagen auch, ja es kommt vor, daß sie sich zur Wehr setzen. Den verschiedenen Ketzereien werden nach einander die angeblichen Missetaten gegen die Marien- und andere Heiligenbilder zur Last gelegt. Die Arianer sind die ersten. Dann folgen selbstverständlich die Ikonoklasten. Ebenso haftet an den gleichfalls außerhalb der christlichen, — und das ist gleichbedeutend mit der menschlichen — Gemeinschaft stehenden Zigeunern der gleiche Fluch der Rechtlosigkeit. Auch die Muhammedaner sind zuweilen die handelnden und leidenden Personen in den Wundererzählungen, die an die Marienbilder anknüpfen. In der Neuzeit beziehen sich diese Legenden natürlich auch auf protestantische Bilderfeindlichkeit. Die Arianer sind, wie gesagt, zeitlich die ersten in der Reihe der Übeltäter. Dann folgen in chronologischer Reihe die Bilderstürmer. Leo der Isaurier hat,durch zwei jüdische Flücht-