Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 56 (1912)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Die Juden in der Marienlegende
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 259 (sequence 3)
- Language
- German
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Die Juden in der Marienlegende. 259 als die Gott am nächsten stehende natürlich am meisten wirken und erreichen kann. Der heilige Thomas schätzt den Marienglauben außerordentlich hoch ein, und folgert diese hohe Bewertung daraus, daß der Jungfrau Maria die Ehre zuteil geworden ist, die Mutter Gottes zu werden, sie also gewissermaßen zur Gottheit erhoben worden sei. Wie Gott der himmlische Vater ist, so wird Maria »unsere himmlische Mutter«1) genannt. »Maria ist aber nicht bloß die erste Vertraute und Mithelferin der allerheiligsten Dreifaltigkeit gewesen, sondern sie ist auch wegen ihrer erhabenen Beziehungen zu den drei göttlichen Personen die ausdrücklichste Verkündigerin derselben geblieben. Sie erscheint als die Erwählte des Vaters, die Mutter des Sohnes, das Heiligtum des heiligen Geistes, die Tochter der allerheiligsten Dreifaltigkeit. Sie bildet also in diesem dreifachen und zugleich einigen Zustande ihrer Person gleichsam den Herd, der die Klarheit des Geheimnisses der Trinität aufnimmt und wieder ausstrahlt«2 *). Während Gott und Christus in der Verehrung mehr und mehr zurücktreten, steigt die Anbetung der Himmelskönigin als der besonderen Schützerin der hilfsbedürftigen gläubigen Menschheit immer mehr und höher und erreicht mit dem dreizehnten Jahrhundert ihren Höhepunkt. Die Lobeslieder für Maria nehmen immer mehr an Zahl und an Tiefe dichterischer Empfindung zü. »Nu biten wir die muoter Und ouch muoter barn singt Walther von der Vogelweide8). *) J. H. Schütz: Summa Mariana. Allgemeines Handbuch der Marienverehrung. Bd. 1. Paderborn 1903. Seite IX. 2) Ebenda. Seite 121. ’) Ausg. v. Lachmann 5, 39—40. 17*