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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1912-01-01 · Heft 3 · p. Seite 258

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
56 (1912)
Issue
Heft 3
Article
Die Juden in der Marienlegende
Date
1912-01-01
Page
Seite 258 (sequence 2)
Language
German
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258 Die Juden in der Marienlegende. tiefe Schleier sich ohne menschliches Hinzutun geheimnisvoll hebt und erst mit Sonnenuntergang wieder senkt1). Dadurch wurde der Sonnabend als heiliger Tag der Maria erkannt. Diese Legende wird auf eine merkwürdige Weise durch den Fund der verschleierten Göttin in Tell-Halaf illustriert2). Der Schleier ist das Abzeichen der Jungfräulichkeit und damit der A§era-I§tar, der Himmelskönigin des vorderen Orients im Altertum. Die jungfräuliche Hirnmelskönigin Iätar ist verschleiert. So verleiht sie Leben und Heil, während sie entschleiert die Bringerin des Todes ist. Die Babylonier feierten die l§tar mit ebenso phantastischen Namen, wie später der Katholizismus seine »Himmelskönigin«. Diese ist die Gottesmutter wie jene die Göttermutter. Die Bilder der i§tar mit dem Kinde auf dem Arm oder an der Brust galten vielfach als wundertätig und wurden als Fürsprecherinnen angerufen. Der Wunderglaube ist in der Volksreligion die vom Volke gewünschte Seite der ihm unverständlichen theologischen Erwägungen. Die Wunder der Heiligen sind ihm die Tatsachenbeweise seines Glaubens. Die Vorstellung der altchristlichen Kirche, daß die Heiligen in dauernder Be- Ziehung zu den auf Erden wandelnden Gläubigen stehen, dauert in der katholischen Kirche ununterbrochen fort. Sie sind wunderwirkend. In Gottes Nähe vermögen sie Fürbitte für die zu ihnen Betenden einzulegen, wobei Maria 1) A. Mussafia: Studien zu den mittelalterlichen Marienlegenden. I. (Sitzungsberichte der phil.-hist. Klasse d. kais. Akademie d. Wissensch. Bd. 113, Wien 1886.) Seite 944. Pfeiffer, Marienlegenden Seite 89 ff. Gautier de Coincy: Les Miracles de la Sainte Vierge. Publ, par!,Abbe P o q u e t. Paris 1857. Sp. 671—680. (Le Miracle Nostre Dame de Saräenay). 2) Max Frhr. v. Oppenheim: Der Tell-Halaf und die verschieierte Göttin. Leipzig 1908. (Der Alte Orient. Jg. 10, H. 1.) Auch in Räs-al-‘Ain in Mesopotamien wurde das Marmorbild einer verschieierten Iätar (Aäera) gefunden.

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