Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 56 (1912)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Ludwig Philippson
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 241 (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
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Ludwig Philippson. 241 bot und weil es sich in seinen ersten Stadien ganz vom wirklichen Leben zuräckzog. Das aber ist der Gang: Anfangs spricht es sich nicht gegen Mosis Gesetz aus, dringt nur auf dessen geistige Auffassung, später sagt es sich vom Gesetz los und läßt nur den Glauben gelten, endlich bekämpft es das Gesetz geradezu. Es flüchtet sich mit Aufgebung des Diesseits in ein Jenseits, setzt statt Übung des Rechts und Kampf gegen das Unrecht stille Duldung und Entsagung; es wurde subjektive Religion in ihrer Gipfelung. Die Gesellschaft ist für das (Ur)-Christentum nicht da. Es trat aber auch in das Heidentum hinaus. Niemals jedoch kann ein Neues in ein Altes hineindringen, ohne sich diesem in vielen Beziehungen anzuschmiegen. Indem es innerhalb des Begriffes der einigen Gottheit dennoch die Anschauung eines dreifachen göttlichen Wesens zum Vorschein brachte und vom Heidentum ein Prinzip des Bösen übernahm, das erst von der Gottheit überwältigt werden muß, wurde es abermals Gegensatz des Mosaismus! Es verwandelte ferner die Möglichkeit der Sünde eines Einzelnen in die Erbsünde, was eine Vermittlung zwischen Gott und der sündigen Seele postuliert; es entsteht so des Stifters Märtyrertod, der geschichtlich nicht bewiesen ist, er muß dem Glauben überantwortet werden, der Glaube wird ein Mysterium, und, da nur die gläubige Seele erlöst wird, so entsteht die Ausschließung der ungläubigen von der gläubigen Welt. Mosaismus und Prophetentum machen hingegen die Wohlgefälligkeit des Menschen bei Gott niemals von der Annahme bestimmter Glaubenssätze abhängig, sondern von der wahrhaften Verehrung des einigen Gottes durch gute Werke, und der Talmud lehrt geradezu: die Gerechten aller Völker sind des ewigen Lebens teilhaftig. Das Christentum hatte im Kampf gegen das Formenwesen seinen Daseinsgrund; kaum zur Herrschaft gelangt Monatsschrift, 56. Jahrgang. 16