Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 56 (1912)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Ludwig Philippson
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 224 (sequence 7)
- Language
- German
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224 Ludwig Philippson. kämpfe an, umsomehr als diese allein in einer politischschlaffen Zeit das Beispiel bürgerlichen Mutes und bürgerlicher Tatkraft gaben, ein unvergeßliches Verdienst vor allem Philippsons. Bei der Abstimmung fiel der Antrag; nur 30 Mitglieder der äußersten Rechten stimmten für Wagener. Von dieser Niederlage hat sich die preußische Reaktion nicht wieder erholt. 1859 schien ein Umschwung zum Besseren einzutreten, als Prinz Wilhelm von Preußen, infolge der geistigen Erkrankung des Königs, die Regentschaft übernahm. Ein gemäßigt liberales Ministerium kam ans Ruder. Die Juden hielten den Zeitpunkt für günstig, um ihrer verfassungswidrigen Ausschließung von allen Verwaltungs-, Gerichts- und Lehrämtern ein Ende zu bereiten. Abermals auf Veranlassung des nicht zu ermüdenden Philippson wurde von 226 Gemeinden, wozu später noch mehr als 50 kamen, eine von ihm entworfene Petition an das Staatsministerium gerichtet, in der die vollständige Ausführung der verfassungsmäßigen Gleichstellung, die Abschaffung des Judeneides und die Rücksichtnahme auf die jüdische Religion bei verschiedenen staatlichen Einrichtungen gefordert würde. Erst nach 20 Monaten kam die Antwort, die anerkannte, daß alle der Verfassung zuwiderlaufenden Spezialgesetze eben durch die Verfassung aufgehoben seien; auch die Aufhebung des Eides more judaico wurde versprochen, aber erst 1860 unter den veränderten Verhältnissen ausgeführt. De facto blieb alles beim Alten, nicht einmal an einer bürgerlichen Schule konnte ein Jude angestellt werden, da der Unterrichtsminister, Bethmann- Hollweg, erklärte, das Judentum sei verfolgungssüchtig. Gegen diese Behauptung wendete sich alsbald Philippson in einem offenen Schreiben und darf man den Tagesblättern glauben, so hat dieses Sendschreiben vom 7. März 1862 zu der 4 Tage darauf erfolgten Entlassung des intoleranten Ministers mit beigetragen.