Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 56 (1912)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Die Ethik R. Saadjas
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 195 (sequence 15)
- Language
- German
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Die Ethik R. Saadjas. 195 Eine natürliche Sittlichkeit hält er daher, wie der zehnte Abschnitt beweist, sehr wohl auch ohne Religion für möglich1), und der Hauptunterschied zwischen seiner theologischen und philosophischen Ethik besteht zunächst nur darin, daß die erstere, obgleich sie, ebenso wie die philosophische Ethik, Motiv und Norm des sittlichen Handelns von der Vernunft erhält, sich mit dieser Vernunftnorm allein nicht begnügt, sondern sie sich von der Offenbarung näher bestimmen läßt. Wenn man bedenkt, daß jedes ethische System solche nähere Bestimmungen, wie Stad ja sie zur Präzisierung der Vernunftforderungen aus der Offenbarung gegeben sein läßt, stillschweigend als selbstverständlich gültig anerkennt oder voraussetzt, und zwar einfach deshalb, weil sie im praktischen Leben schon vorhanden sind; so wird man sagen müssen, daß die Autonomie der saadjanischen Moral, selbst seiner theologischen, formell durch die Anerkennung der Religionsgesetze nicht im geringsten beeinflußt wird. Der materielle Zuwachs aber, den die Ethik von der Religion erhält, bleibt innerhalb der von der Vernunft offen gelassenen Grenzen des Sittliehen und erweist sich, ohne der Autonomie der Ethik zu schaden, für die letztere von den heilsamsten Folgen. Damit kommen wir zu der zweiten Frage, ob die Sittlichkeit durch die Religionsgesetze veräußerlicht wird. Unter Veräußerlichung der Sittlichkeit versteht man gewöhnlich ein legales Handeln aus irgendwelchen äußerlichen Motiven ohne die entsprechende innerliche Zustimmung oder Gesinnung. Und die obige Frage ist umso berechtigter, als Saadja die Idee der Vergeltung, nach der das Gute belohnt und das Böse bestraft wird, nicht in der Ethik, sondern nur in der Religion gelten läßt. Dieser Punkt ist für das Verhältnis beider höchst beachtenswert. In der Ethik ist das Motiv des Handelns ein Zwang, den das Gute und Böse auf die *) Vgl. EmunoMV, S. 79: »Der Fromme würde auch ohne Offenbarung das Gute tun«. 13*