Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 56 (1912)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Die Ethik R. Saadjas
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 190 (sequence 10)
- Language
- German
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Die Ethik R. Saadjas. 190 wie von der modernen Ethik. Denn was er gegen die Un- :zulänglichkeit der Vernunft für die praktische Anwendung ihrer Prinzipien einwendet, ist ein Vorwurf, der in dieser Beziehung ohne Ausnahme jede philosophische Ethik, auch seine eigene des zehnten Abschnitts, trifft, da die tatsächlich so wichtigen Grenzbestimmungen für das, was als erlaubt ״und was als nicht erlaubt betrachtet wird, sich aus keinem sittlichen Prinzip ableiten lassen. Jede Ethik erhält in diesem Punkte ihre Ergänzung erst durch das wirkliche Leben und die Sitte der Menschen, und es macht keinen Unterschied, ob der Moralist von der relativen oder der absoluten Wert- Schätzung ausgeht. Aristoteles hatte insofern ganz recht, die Ethik keine Wissenschaft zu nennen, als, abgesehen davon, daß er das Gute nicht für absolut, sondern vielmehr nur für etwas konventionell Festgestelltes hielt, auch seine ״Grenzbestimmung der Tugend, als das Mittlere zweier Laster, ganz vage und bei Jedem nach seinem subjektiven Ermessen sehr verschieden ist1). Und wenn man heute das Gute zwar für etwas Objektives hält, dabei aber glaubt, daß die Ethik »kein Nachschlagebuch sei, aus dem bequem zu ersehen wäre, was der Mensch in jeder Lage seines ^Lebens zu tun habe«*), so heißt das auch nichts anderes, als daß die Ethik eine exakte Wissenschaft nicht sei. Denn solange die Ethik ihre Forderungen nicht genau *) Arist. Eth. Nie. II, 2, 5, 9; VI, 7. Man vgl. hierzu J. H. v. Kirchmann, Erläuterungen zu Spinoza’s Ethik. Heidelberg 1882. S. 129, Anm. 26. ' 2) H. Steinthal, Allgem. Ethik. S. 308, vgl. H. Lotze, Grundzüge d. pr. Philos. § 26 u. § 29. § 24 heißt es: »Ganz ähnlich bieten die ethischen allgemeinen Ideen Regeln des Handelns dar, die in jedem Falle gelten sollen; aber die bestimmten Formen, die das Handeln unter bestimmten Umständen annimmt, sind nicht bloß Beispiele dieser Regeln, sondern viel mehr wert, als diese in ihrer Allgemeinheit«. Die »bestimmten Formen« des Handelns sind aber zu verschiedenen "Zeiten und bei verschiedenen Völkern verschieden. Läßt sich deshalb aus den ethischen Ideen eine Ethik a priori konstruieren?