Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 56 (1912)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Die Grundlagen einer jüdischen Ethik
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 144 (sequence 16)
- Language
- German
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144 Die Grundlagen einer jüdischen Ethik. Die Härte des Gesetzes soll durch die Nächstenliebe gemildert werden1), »Heil dem Frommen, der statt eines Strafurteils Erbarmen walten läßt«2). »Ebenso wie Gott die Schuld vergibt und weder Haß noch Rache in seinem Herzen gegen das sündhafte Volk Israel hegt (vgl. Micha 7, 18 f.), soll auch der Mensch seinen Nächsten nicht hassen«3). »Gott ist gnädig, bevor der Mensch sündigt, und ist derselbe versöhnliche Gott, nachdem der Mensch gesündigt und Buße getan hat« (Rosch ha-Schana 17b). Selbst gegen den abtrünnigen Glaubensgenossen, der sich dem Heidentum zugewandt hat, wird milde Gesinnung gepredigt. * Obgleich jener hinging und sich dem Götzendienst verkaufte, soll man dem Fallenden keinen Stein nachwerfen« (Arakin 80b. Kidduschin 20b). Nach dem Sohar4) ist nur derjenige ein wahrhaft frommer Mann, der auch für die Sünder betet. Darum stellt der Sohar Moses höher als Noah und Abraham, denn als Gott dem Noah offenbart hatte, er wolle die Menschen wegen ihrer Sünden vernichten, betete er überhaupt nicht für seine Mitmenschen. Auch Abraham hat nach dem Sohar 1) Rabba wollte von seinen Taglöhnern, die ihm aus Unvorsichtigkeit ein Faß Wein zerbrachen, den Schaden ersetzt haben, weshalb er ihnen die Kleider wegnahm und den Lohn vorenthieit. Die Arbeiter verklagten ihn deshalb bei Rab, welcher gebot, daß ihnen die Kleider zurückgegeben werden sollten. Darauf fragte Rabba: »Schreibt dieses das Gesetz vor?« Der Richter antwortete: Ja, denn es steht geschrieben (Spr. 2, 20): »Du sollst wandeln in den Wegen der Guten.« Als die Tagelöhner die Kleider wieder erhalten hatten, sprachen sie zum Richter: »Wir sind arm und haben den ganzen Tag gearbeitet; nun sind wir hungrig und haben nichts zu essen.« Da gebot Rab : »Händige ihnen ihren Lohn aus,« worauf Rabba erwiderte: »Ist so das Gesetz?« Er antwortete: Ja, denn es steht geschrieben (Spr. 2,20): »Halte ein den Pfad der Frommen« (Baba Mezia 83 a). 2) Bereschit Rabba Par. 33. Selbst dem zum Tode verurteilten Mörder soll man einen leichten Tod bereiten. (Sanh. 52b.) ף Jalkat zu 3. M. 19. 4) Sohar zu 1. Mos. 18, 23.