Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 56 (1912)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Die Grundlagen einer jüdischen Ethik
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 138 (sequence 10)
- Language
- German
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138 Die Grundlagen einer jüdischen Ethik. der Selbstachtung kann sich die wahre Nächstenliebe ent• wickeln, denn wir sollen uns ja untereinander mit derselben Energie lieben, wie ein jeder sich selbst liebt. b) Die Beziehungen des Individuums zur menschlichen Gesellschaft. Da nach der Bibel alle Menschen einen einheitlichen Ursprung, nur einen göttlichen Schöpfer1 2 *) und »Vater im Himmel«4) haben und alle Menschen Ebenbilder Gottes sind, so sollen wir uns als Glieder einer großen Familie ansehen, in deren Adern verwandschaftliches Blut fließt. »Haben wir nicht alle einen Vater? Schuf uns nicht e i n Gott? Warum sollen wir denn treulos sein einer gegen den andern?«8) »Gott hat zur Festigung des Friedens unter den Menschen die ganze Menschheit von einem einzigen Menschenpaar abstammen lassen, damit niemals einer zum andern sagen könne: Mein Vater war größer und vornehmer als der deinige«4). Während alle übrigen Völker des Altertums nur sich und ihre eigenen Geschlechter kennen und keine Gemeinschaft mit den andern wissen noch haben wollen, umfaßt die Tora die ganze Menschheit. Wir sollen die Menschen schon deshalb lieben, weil sie Geschöpfe Gottes sind. »Liebe die Geschöpfe,« mahnt uns Hillei5). Gemäß einem alten Ausspruch unserer Weisen hat Gott dem Menschen verkündet: »Ich habe die Menschen geschaffen, darum kannst du, wenn du sie lieben wirst, versichert sein, daß ich dich dafür belohnen werde; solltest ל Vgl. Jos. 4, 24. 2. Kon. 19, 15. Zach. 14, 9. Zeph. 3, 9. Ez. 36, 23. Ps. 86, 9. 102, 23. 138, 4. 2) אבינו שבשמים wird Gott gewöhnlich in Talmud u. Midrasch genannt. s) Mal. 2, 10. Daher sagt Philo, De dec. orac. II, 191: »Wir Menschen sind alle Brüder, da Gott der gemeinsame Vater ist«. 4) Sanhedrin 37. Ähnlich sagt Seneca De benef. III, 28: »Kein Mensch ist vornehmer als der andere«. 5) Abot 1, 12.