Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 56 (1912)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Die Grundlagen einer jüdischen Ethik
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 137 (sequence 9)
- Language
- German
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Die Grundlagen einer jüdischen Ethik. 137 soll man tatkräftig zur Seite stehen1). »Widerfährt deinem Mitmenschen ein Leid, so sollst du ihm deine Teilnahme bezeigen und für seinen Unterhalt sorgen«2). Sobald ein Mensch in Lebensgefahr schwebt, ist der Jude verpflichtet, selbst am Sabbat alles Mögliche für die Erhaltung eines Menschenlebens zu tun. Zu einem solchen Zweck soll er schnell ohne Bedenken alle sabbatlichen Bestimmungen übertreten3), denn »der Sabbat ist euch übergeben worden, nicht aber seid ihr dem Sabbat übergeben worden«4). Ein interessantes Beispiel ethischer Pflichtenkollision bei Aus• Übung der Nächstenliebe bieten uns die Weisen des ersten Jahrhunderts: Von zwei Personen, die gemeinsam in der Wüste wandern, besitzt nur noch einer etwas Wasser. Würde er das Wasser mit dem Reisegefährten teilen, so würden beide ihren Durst nicht löschen können, tränke aber er es allein, so würde dieses genügen, daß er noch lebend eine bewohnte Gegend erreiche, aber sein Gefährte wäre dann unrettbar verloren. Ben-Paturi trug darüber die absolute ethische Lösung vor: Der eine dürfe nicht unter Preisgabe seines Mitmenschen das eigene Leben retten, sondern beide mögen trinken und gemeinsam sterben, diese Lehre, die er aus dem biblischen Satze (3 M. 25, 36): »Dein Bruder lebe mit dir« ableitete, galt solange, bis R. Akiba lehrte, daß man im Konfliktsfalle zunächst an die Erhaltung des eigenen Lebens denken solle5). Erst aus J) Vgl. hierüber meinen Aufsalz: »Die Armenpflege im Judentum« im: Isr. Gemeindeblatt, Köln 1911, Nr. 51. 2; Wajjikra rabba Par. 34, Kohelet r. zu Kap. 7, 14; vgl. Sota 14 a. 3) Mischna Joma 8, 6—7; Tanchuma Par. Jitro, Debarim r. Par. 10. 4) Mekiita ed. Weiss, Wien 1865, S, 110, Jalkut zu 2. M. 13, 14; vgl. im N. T. Marc. 2, 27. 5) Sifra zu 3. M. 25, 36, Baba Mezia 62a, vgl. W. Bacher, Agada d. Tannaiten l3 p. 60.