Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 55 (1911)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Die Ethik R. Saadjas
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 722 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2829132-2829835-2829842-2891129--39193-2891233- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
722 Die Ethik R. Saadjas. größeres Verdienst angesehen werden«1). Man wird in all diesen Beispielen nicht verkennen, daß das, was hier gelobt oder getadelt wird, von allem Begehren und Streben des urteilenden Subjekts vollkommen unabhängig ist Der Grund für die ganz besondere Wertschätzung der dem Feinde geleisteten Hilfe oder der vom Armen geübten Redlichkeit oder Mildtätigkeit ist weder ein zu dämonistischer, noch ist er in Nützlichkeitsrücksichten zu suchen. Er liegt vielmehr darin, daß die Vernunft die Hilfeleistung, die Redlichkeit und die Mildtätigkeit als ein an und für sich Würdiges und Wertvolles erkennt und sie deshalb schätzt. Die Schätzung wird aber größer, wenn sie sich, wie in den meisten der oben angeführten Fälle, Verhältnisse denkt, in denen das Gute gerade gegen alle Rücksicht auf das Wohl und den Vorteil des handelnden Subjekts geübt wird; darum ist die Enthaltsamkeit des Jünglings, die Redlichkeit des Armen, die Hilfeleistung des Feindes, die Mildtätigkeit des Armen und das Fasten des Zärtlings besonders lobenswert. Betrachten wir einmal die übrigen der oben zitierten Fälle näher: »Die Gottesverehrung der Frommen hat einen höheren Wert als die anderer Menschen«. »Die Gottesverehrung an einem besonders bevorzugten Ort gewinnt durch denselben an Wert«. Alle Sätze, diese sowohl als die anderen, enthalten eigentlich eine doppelte Beurteilung: erstens, daß die Gottesverehrung einen Wert habe, zweitens, daß sie unter Umständen einen höheren Wert habe. Diese doppelte Beurteilung liegt natürlich ebenso auch den Gegensätzen zu Grunde. Erstens: die Sünde, die Ausschweifung, der Betrug, der Hochmut usw. sind verwerflich; zweitens: sie sind unter gewissen Umständen in gesteigertem Maße verwerflich. Wir lassen die erste Beurteilung hier vorläufig außer acht und fragen, worin hat die zweite, die eine Steigerung des Lobes oder des Tadels herbeiführt, ihren Grund? Offenbar darin, daß in dem jedesmaligen Falle ein ~~ *) Emunot V, S. 92-93.