Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 55 (1911)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Die Ethik R. Saadjas
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 721 (sequence 9)
- Language
- German
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Die Ethik R. Saadjas. 721 desten darum, in welchen Beziehungen es für uns oder für andere brauchbar und nützlich ist, sondern sieht es in Verhältnissen liegen, die ihr rein formal wie das Schöne, je nachdem sie passend sind oder nicht, gefallen oder mißfallen. Diese Art der Wertschätzung, in der das ethische Urteil nicht von einer vorliegenden Tat, sondern fast ausschließlich von den darin liegenden Verhältnissen ausgeht und von ihnen bestimmt wird, kommt bei Saadja in einer großen, zusammenhängenden Reihe von Beispielen zum Ausdruck. Wir führen sie mit Weglassung der biblischen Zitate im Folgenden an: »Die Gottesverehrung der Frommen hat einen höheren Wert als die anderer Menschen; umgekehrt aber gebührt auch der Sünde des Frommen eine schärfere Verurteilung als der anderer Menschen. Die Gottes- Verehrung an einem besonders bevorzugten Ort gewinnt durch denselben an Wert; umgekehrt wieder ist oft die an einem solchen Ort begangene Sünde um so mehr zu verdämmen. Dem Jüngling ist die von ihm geübte Enthaltsamkeit als ein um so größeres Verdienst, dem Greise die begangene Ausschweifung als ein um so schimpflicheres Laster anzurechnen. Die Redlichkeit der Armen verdient um so höhere Anerkennung, der Betrug des Reichen um so entschiedenere Verurteilung. Die dem Feinde geleistete Hilfe ist als ein um so größeres Verdienst, der dem Freunde zugefügte Schaden als eine um so schwerere Schuld zu betrachten. Die Demut des Vornehmen verdient um so größere Anerkennung, der Hochmut des Niedrigstehenden um so strengere Verurteilung. Die Vergewaltigung des Armen, die Beschädigung des Weisen oder eines dem Wohle Anderer sich widmenden Menschen, die Bedrückung einer größeren Gemeinschaft, die Ausübung einer Sünde an einem gottgeweihten Tage müssen um so schwerere Vergehen, hingegen die Mildtätigkeit des Armen, das Fasten eines durch die Genüsse des Lebens verwöhnten Menschen als um so 46 Monatschrift 55. Jahrgang.