Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 55 (1911)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Die Ethik R. Saadjas
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 720 (sequence 8)
- Language
- German
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720 Die Ethik R. Saadjas. hängig ist. Während in der relativen Wertschätzung das Objekt erst dadurch gut wird, daß wir unser Streben darauf richten und unsere Vernunft es als ein Mittel zu irgend einem Zwecke schätzt, trägt das Gute in der absoluten Wertschätzung seinen Wert in sich selbst und erregt dadurch allein das Wohlgefallen der Vernunft Schon durch die nahe Verwandtschaft, in der bei Saadja der Begriff des Guten zum Begriff des Wahren stand, ließe sich erkennen, daß dem Guten ein objektiver Wert zukommen müsse. Diesen objektiven Wert behauptet Saadja aber auch ausdrücklich und unterscheidet darin sogar zwei Formen, die wir heute zwar sehr wohl unterschiedlich beurteilen, die er noch, wie Plato schon1) vollkommen konfundiert, nämlich den ästhetischen und den rein ethischen Begriff des Guten. Die ästhetische Auffassung des Guten hat Saadja unleugbar der antiken Ethik entlehnt. Denn es war ein Nationalzug des alten Griechenland das Schöne mit dem Guten in der engsten Verbindung zu denken und dieses als eine Art von jenem anzusehen. Saadja findet aber mit der Meisterschaft, mit der er die biblische Literatur beherrscht, die ästhetische Auffassung des Guten schon im Buche Kohelet vertreten und deutet das Gute dort als das Zeitgemäße oder den Umständen nach Passende und Angemessene2). Das Gute wird hier nicht von dem Zwecke, dem es etwa dient, abhängig gemacht und deshalb auch nicht nach dem Maße des Nutzens oder Schadens geschätzt; es wird gar nicht in Objekten, sondern vorwiegend in Verhältnissen gesucht. Die urteilende Vernunft läßt den Inhalt des Guten fast gänzlich außer acht, sie kümmert sich nicht im min- •) Im Phileb. 53 c behauptet Plato den objektiven Wert des Guten: «urd xa-fr’ ooitöv Sv, oöc£k. Über das Verhältnis des Schönen zam Gaten, vgl. Strümpell, Praktische Philos. d. Griech., S. 226 ff. *) Emunot x, s. 161: והוסין* * עליהם אשר יפה ורומז מה, שתהיה בל אחת מהמדות ואהבות בעת הראויה לה לא בזולתה, במו שאמר אה הבל עשה יפה בעתו. Koh. 3, 11 das.: והאחד ל,ראו יפה והוא עשות בל דבר אהוב ונסאם בעתו.