Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 55 (1911)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Die Ethik R. Saadjas
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 522 (sequence 10)
- Language
- German
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522 Die Ethik R. Saadjas. und den Ergebnissen der menschlichen Forschung möglich ist. In welchem Verhältnis steht diese vierte Erkenntnisquelle zu den anderen, oder mit anderen Werten, wie verhalten sich Offenbarung und Vernunfterkenntnis zu einander und in welchem Verhältnis stehen beide zur Ethik? Alle Wahrheiten, die der Mensch aus seinen natürlichen Erkenntnisquellen schöpfen will, kann er nur auf dem Wege sehr mühevoller Spekulation und nur im allmählichen Fortschritt erlangen, wobei er außerdem fortwährend der Gefahr ausgesetzt ist, durch einen Fehler in der Untersuchung zu einem falschen Resultate zu kommen. Dem gegenüber bietet die Offenbarung die höchsten Erkenntnisse dem Menschen mühelos dar, so daß auch die der philosophischen Forschung Entbehrenden und Unfähigen, ja sogar Weiber und Kinder, sich diese anzueignen vermögen. Die Offenbarung umfaßt alle Lehren und Gesetze, deren der Mensch überhaupt bedarf; die Vernunft kann diese Lehren und Gesetze zwar ebenfalls geben, allein ihre hauptsächlichste Aufgabe besteht zunächst darin, daß sie das, was die Offenbarung apodiktisch lehrt und befiehlt, nach angestrengtem Nachdenken auf seinen Wahrheitsgehait prüft und auf sittliche Gründe zurückführt1), damit der Mensch so vom Wissen zum Glauben gelange2). können; bei einer großen Gesamtheit ist in der Überlieferung weder eine irrtümliche Auffassung noch ein Betrug denkbar, ohne daß sich zugleich die Überlieferung von diesem als Betrug weiter fortgepflanzt hätte, das. III, S. 66. *) Emunot S. 11—13. 2) Vgl. Emunot S. 3 ff. Es gehört dies gewissermaßen zur Tendenz seines Buches. Es ist interessant in dieser Beziehung, wie es Stöckl getan hat, Saadja mit der christlichen Scholastik zu vergleichen. Saadja ist der Ansicht, daß ohne Erkenntnis kein echter Glaube möglich ist. Anselm v. Canterbury dagegen lehrte wie Augustin, »daß ohne den Glauben keine Erkenntnis möglich sei«. Vgl. H. Ritter, Geschichte der christl. Philosophie, III, Hamfcurg 1844, S. 325. Es gibt aber auch verwandte Ansichten. Saadja am nächsten kommt unter allen christlichen Scholastikern Abäiard, der, ebenfalls »die natürlichen