Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 55 (1911)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die Ethik R. Saadjas
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 398 (sequence 14)
- Language
- German
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398־ Die Ethik R. Saadjas, iiatte und konnte das Judentum auch schon deshalb nicht haben, weil es sich gar nicht an das spekulative Wissen und Erkennen1), sondern vorzugsweise an die nach Kant2 *) einzige sittliche Kraft im Menschen, an den Willen8), wendet Nicht nur auf den Verstand, sondern auch auf Herz und Sinn, auf das Gefühl und die Phantasie sucht die Bibel zu wirken, um den Willen in einer fest bestimmten Richtung zu lenken, ihn zu läutern und zu stärken4 * * *). J Wohl dringt die Bibel an zahlreichen Stellen auf Wissen und Erkennen, wie in Deuter. 4, 35. 39; Jerem. 9, 23. usw., allein a« allen biblischen und talmudischen Stellen (Abot II, 1; Jalkut I, § 7 und § 107, Chagiga 2; Sabbat 86 usw.) bedeutet Wissen und Erkennen nur das erfahrungsmäßige Wahrnehmen des in der Natur und Geschichte wirkenden Gottes, oder auch, wie in Prov. 8, 10; 23, 12; 24, 5; 11, 19; Jes. 53, 11. Ketubbot 68; Nedarim 41; Chagiga 14; Sanhedrin 30; das. 52 usw. das empirische Wahrnehmen, Verstehen und Wissen der in der Natur wie im Menschenleben sich abspielenden Vorgänge und Ereignisse. Niemals ist aber damit ein spekulatives Schauen oder ein methapfaysiscties Folgern durch reine Vernunftbegriffe gemeint. Im Talmud ist Methaphysis und spekulatives Grübeln einfach verboten: Chagiga II, 1. Man wird deshalb auch behaupten können, daß ein methaphysisches Begründen und philosophisches Ausbauen des allerdings stark ausgeprägten Ethos im mosaisch-talmudischen Judentum gar nicht im Bereich der Möglichkeit lag. 2) »Es ist überall nichts in der Welt, ja auch außer derselben zu denken möglich, was ohne Einschränkung für gut könnte gehalten werden, als ein guter Wille. Der gute Wille ist durch seine Wirkungen, nicht durch seine Tauglichkeit zur Erreichung eines Zweckes gut, sondern allein durch das Wollen«. s) Vgl. Genes. 2, 16-17; 4, 7; Deuter. 30, 15-19; 11, 26—27; Jes. 1,19—20 usw. S. Bähr, Symbolik des mosaischen Kultus I, S. 37; Friedrich Schlegel, Philosophie der Geschichte I, S. 165 u. 168. 4) Wir finden in dieser Beziehung eine schöne Charakterisierung der Bibel bei Saadja selbst: Eine jede Religionsurkunde, sagt er in Emunot we־Deot III, S. 65, bestehe aus drei Teilen: 1) aus Geboten und Verboten, die er, wie aus dem dort von ihm angeführten Beispiele des Fieberkranken hervorgeht, für das eigentliche Heilmittel ״der sittlichen Gesundung des Menschen hält, 2) aus Verheißungen und Belohnungen als Vergeltung für deren Beobachtung, um die Menschen zur Annahme derselben geneigter zu machen, 3) aus prak-