Mannheim
Compact Memory

Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1911-01-01 · Heft 4 · p. Seite 395

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
55 (1911)
Issue
Heft 4
Article
Die Ethik R. Saadjas
Date
1911-01-01
Page
Seite 395 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2829132-2829835-2829840-2890832--38846-2890862
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Die Ethik R. Saadjas. 395• Tugend des Begriffs, Platos Tugend der Idee, die dianoetisehe Tugend des Aristoteles und der stoische Weise, »der sich auf sich selbst zurückzieht und sich in seiner eigenen׳ Gottheit verehrt«1), sind die einfachen Folgen dieses ausschließlich zur Herrschaft gelangten Intellektualismus. Bet dieser Grundlage aber konnte die Ethik niemals praktische Geltung für das Volksleben erlangen; denn die Erkenntnis ist nur Sache weniger, nicht der Menge. Aber auch für die Aristokratie des Geistes blieb sie oft ein leerer, geistiger Formalismus. Alle die Veranlassungen und Bedingungen, welche bei den Griechen der Entwicklung und Ausbildung der wissenschaftlichen Ethik so günstig waren, fehlten im biblischtalmudischen Judentum fast vollständig. Den Grund für diese Erscheinung wird man hauptsächlich, wie wir bereits oben erwähnt haben, in der lebendigen Vorstellung des Juden von einem persönlichen und sittlichen Gotte zu suchen haben. Denn es hat im jüdischen Bewußtsein niemals ein Zweifel darüber geherrscht, »daß Gott der Schöpfer eben sowohl einer sittlichen als der physischen Weltordnung sei, daß er die Quelle aller, auch der ethischen Wahrheit, und daß die überlieferten Sittengesetze eben diese Wahrheit ausdrücken und enthalten«2). Man hat deshalb in den schöpferischen Zeiten des Talmud, als man nach dem Verluste von Vaterland, Thron und Altar unter wesentlich neuen Bedingungen das Leben des zerstreuten Volkes im Einzelnen wie in der Gesamtheit neu zu begründen und zu ordnen hatte, gar keine Veranlassung gehabt, nach anderen Normen zu suchen, als die waren, die überlieferungsmäßig die Religion festgestellt hatte. Das ganze Dasein wurde durch das Bestreben der talmueiner Ethik des Wolleits, in der genauen Bedeutung des Begriffs, nur erst eine schwache Ahnung hatte«.!) Luthardt, Die antike Ethik, S. 185. 2) L. Lazarus, Zur Charakteristik der talmud. Ethik, S. 19.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.