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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1911-01-01 · Heft 4 · p. Seite 394

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
55 (1911)
Issue
Heft 4
Article
Die Ethik R. Saadjas
Date
1911-01-01
Page
Seite 394 (sequence 10)
Language
German
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394 Die Ethik R. Saadjas. stellt Die Folge davon war, daß, wie Thukydides klagt1 2), die Unsittlichkeit im Volke in Erschreckender Weise um sich griff. Es war daher die Aufgabe der edlen Geister, darau f zu sinnen, wie sie Religion und Sittlichkeit den verödeten Gemütern ihrer Mitbürger wieder einpflanzen, wankende Herzen wieder befestigen könnten. Bisher ruhte die Moral auf Tradition, da diese aber auch unhaltbar geworden, so sollte an ihre Stelle die Erkenntnis treten. Es galt also, auf dem Wege der Forschung Prinzipien, das heißt: allgemein anerkannte, zweifellose Grundgedanken, aufzufinden, die das Fundament der sittlichen Theorie bilden konnten, um darauf das ganze Gebäude als auf festem Grunde zu errichten12). Den ersten Versuch hierin unternahm Sokrates, indem er das subjektive Denken aus einer auflösenden Macht in eine bauende umzuwandeln sich bestrebte und die Mensehen als Vernunftwesen statt an die Willkür des eigenen Beliebens auf die Vernunft verwies, die an die Stelle der Meinung das Wissen und statt des Scheins das wahre Wesen der Dinge (t£ s<7׳rtv sjca«7T0v töv övtgjv), den Begriff,, zu erfassen versucht. Nach Begriffen denken war ihm Wahrheit, aber auch nach Begriffen handeln Tugend. Die Tugend also ist Wissen3). Bei dieser Identifizierung von Tugend und Wissen ist aber die Bedeutung des Wollens, als des eigentlichen Faktors sittlichen Handelns völlig übersehen und verkannt. Trotzdem beherrscht von Sokrates an dieses Übergewicht des Intellekts über den Willen die Denkweise der ganzen antiken Möralphilosophie4). Die sokratische *) Thucydides II, 52, 53; III, 82, 83. 2) Zeller, Die Philosophie der Griechen II, 1 Einleitung» L. Lazarus, Zur Charakteristik der talmud. Ethik, Breslau 1877, S. 6.* 3) Xenophon Mem. I, 1, 16; III, 9, 5; IV, 2, 20; Aristoteles Ethic. Nicom. IV, 13: <ppov־^cs^ wsto sivat דvzgol<; זד׳xq otpsris. 4) Luthardt, Die antike Ethik, S. 41. Strümpell, Die Geschichte der praktischen Philosophie der Griechen vor Aristoteles, Leipzig 1861, S. 13: >Wir nehmen wahr, daß die antike Ethik, wie weit sie in dieser Schrift dargestellt wird, trotz mancher herrlicher Gedanken doch von

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