Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 55 (1911)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die Ethik R. Saadjas
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 392 (sequence 8)
- Language
- German
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392 Die Ethik R. Saadjas. um dem einen Rätsel der inneren Welt, dem der Sünde und der Gerechtigkeit vor Gott, nachzuhängen; ihnen war Gott ein geschichtlicher Gott, dem die Natur ein Fußschemel seiner Macht, aber das Leben der Menschheit das einzige Augenmerk seiner Vorsehung ist; er war ihnen aber auch der starke und eifrige Gott, der die Gerechligkeit des Herzens will und die Sünde verfolgt und rächt, um der Sünde willen« (Lotze, Mikrokosmos III, S. 147). Der Gegensatz zwischen Religion und Ethik trat zuerst und am schärfsten bei den Griechen hervor. Denn wie in allen ursprünglichen Verhältnissen menschlicher Kultur war auch bei ihnen die Sittenlehre in die Religion verwebt. Allein der griechischen Religion fehlte der sittliche Kern, und darum war ihr Bruch mit der Moral unvermeidlich. Schon die griechische Volksmora], die doch von der Religion ausging, wurzelte nicht in der Gottheit, als der absoluten, sittlichen Persönlichkeit; denn die griechischen Götter waren dem Volksbewußtsein nichts weniger als rein sittliche Wesen. Selbst zur Zeit des Sophokles, als der griechische Volksgeist auf seiner sittlichen Höhe stand, scheute man sich nicht, ihnen Mißgunst und Neid gegen das Menschengeschlecht nachzusagen. Die griechische Welt kannte ein solches liebevolles und inniges Verhältnis zwischen der Gottheit und den Menschen, wie es zum Beispiel in dem biblischen Satze: Kinder seid ihr des Ewigen eures Gottes« (5. M. 14, 1) ausgedrückt ist, noch nicht. Ihr waren die Götter nur die höheren Mächte, denen der Mensch, weil er ihnen machtlos unterworfen war, Furcht und scheuvolle Verehrung schuldete. Dieses Verhältnis, das nicht auf gegenseitiger Liebe beruhte, konnte auch schon deshalb nicht als eine Quelle der Sittlichkeit wirken, weil man die Gottheit als heilig weder erkannte noch dachte1). Eine Heiligung der Gesinnung und des Lebenswandels, wie x) Vgl. Chr. Ernst Luthard, Die antike Ethik, Leipzig 1887, S. 3 oben.