Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 55 (1911)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die Ethik R. Saadjas
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 391 (sequence 7)
- Language
- German
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Die Ethik R. Saadjas. 391 als daß Saadja, um den jüdischen Geboten wieder Anerkennung zu verschaffen, sich bemühte, so weit es möglich war, die Lehren der Religion in Lehren der Sittlichkeit umzuwandeln und die religiösen Gebote und Gesetze aus ethischen Prinzipien abzuleiten? Er mußte Licht und Ordnung in einem Chaos von Sitten und Gesetzen schaffen, das Religion und Leben im Laufe von vielen Jahrhunderten bei einem, ganzen Volke angehäuft hatten. Er wollte das, was das gläubige Gemüt bisher als Machtgebot seines Gott-Königs verehrt und in demütiger Unterwerfung unter den Willen des Höchsten treu befolgt und geübt hatte, als das eigentlichste Postulat der menschlichen Vernunft hinstellen und rechtfertigen. Allein so naheliegend und gerechtfertigt aus all* diesen Gründen für Saadja die Trennung von Religion und Ethik war, so braucht man sich doch nur zu vergegenwärtigen, in wie ganz verschiedenen Verhältnissen das sittliche Bewußtsein zu dem religiösen Gottesbegriff bei Juden und Griechen stand, um die ganze Tragweite des kühnen Versuchs, das bis dahin einheitliche, religiöse Bewußtsein des Juden nach griechischem Muster in ein ethisches und religiöses zu scheiden, genügend zu würdigen. Die Bibel kennt keinen Unterschied zwischen den Gesetzen der Moral und denen der Religion; die einen sind ihr eben so göttlich wie die anderen; denn alle wurzeln in dem starken Bewußtsein von der Heiligkeit des göttlichen Willens, in dem sie den Quell der Wahrheit, des Rechts und der Sittlichkeit zugleich sah (Secharja 8, 16—19). Eine Trennung ©der auch nur eine Unterscheidung von Religion und Moral war nach der ganzen Weltanschauung des Judentums überhaupt gar nicht denkbar, weil das sittliche Bewußtsein niemals mit dem Bewußtsein von einem persönlichen, sittlichen Gotte in Widerspruch geraten konnte. »Den ganzen Luxus naturphilosophischer Mystik, der so nutzlos die übrigen Religionen des Altertums beschwert, hatten die Hebräer hinweggeworfen,