Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 55 (1911)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die Ethik R. Saadjas
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 390 (sequence 6)
- Language
- German
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390 Die Ethik R. Saadjas. gionsphilosophie geworden. Saadja selbst hatte, wie er dies in der Einleitung hervorhebt, eigentlich nur beabsichtigt, durch eine kritische Betrachtung eine Läuterung in den Glaubensansichten seiner Zeitgenossen herbeizuführen. Indem er so aber darnach strebte, den Inhalt der Offenbarung als mit der Vernunft in Einklang stehend darzustellen, gelangte er dazu, den gesetzlichen Teil des Judentums, in dem Gebote der Religion, der Moral und des Rechts unterschiedlos in einander verschlungen waren, einheitlich auf Prinzipien zurückzuführen, die fast ausschließlich der griechischen Ethik entlehnt sind. Die Forderungen der jüdischen Lehre wurden hier gewissermaßen zum ersten Male auf ihren ethischen Gehalt untersucht, und damit war der Ethik gleichsam stillschweigend der Vorzug vor dem Offenbarungsgesetze eingeräumt worden, das seinen Wert eben erst durch seine Übereinstimmung mit der Ethik beweisen sollte. Saadja hat dadurch zuerst den entscheidenden Schritt getan, auch im Judentum, wie es bei den Griechen schon sehr früh der Fall war, die ethischen Forderungen als etwas Selbständiges und von der Religion und deren sonstigen Geboten völlig Unabhängiges zu unterscheiden. Diese Trennung von Religion und Sittlichkeit hat auch bei Saadja auf den ersten Blick für uns nichts Auffallendes. Er hatte ja durch Studium die griechisehe Philosophie kennen gelernt und dadurch geschlossene ethische Systeme, deren Lehren er annehmen konnte, obgleich sie aus ganz anderen Prinzipien abgeleitet waren,, als die gleichen oder ähnlichen Lehren des Judentums. Diese Prinzipien hatten außerdem bei seinen ungläubigen und zweifelsüchtigen Glaubensgenossen vollgültige Autorität, die Lehren der Religion dagegen wurden vielfache verworfen oder doch nicht beachtet; was war da natürlicher we-Deot VII, S. 112 und 113. Über die allegorische Deutung in de» Schulen der Mutazila, denen Saadja unter allen arabischen Schulen, am nächsten stand; s. Scbahrästani, ed. Haarbrücker,!, 43, 75.