Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 55 (1911)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die Ethik R. Saadjas
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 387 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2829132-2829835-2829840-2890832--38838-2890854- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Die Ethik R. Saadjas. 387 h&t Man wird dieses Verdienst umso weniger verkennen, wenn man bedenkt, daß der, Saadja an Systematik wie an Tiefe der Gedanken weit überragende, Alexandriner Philo die Rechtfertigung des Judentums und dessen Lehren vor dem Forum der griechischen Philosophie nur dadurch zu bewirken vermocht hatte, daß er mit dem Zauberstabe allegorischer Deutung die konkreten Personen der biblischen Erzählungen in abstrakte Begriffe verwandelte, die mosaisehen Gesetze und Vorschriften in einen Gedanken-Äther auflöste, und dann aus den in ihrem Wortsinn vergewal״ tigten jüdischen Religionsurkunden die Gedanken der griechischen Philosophie herauslas1). In Philo’s Geiste unterlag das Judentum dem bestrickenden Reize und der spielenden Gewandtheit der glänzend ausgebildeten griechisehen Dialektik; sein Streben befriedigte aber das religiöse Bewußtsein seines Volkes nicht, und darum hat die jüdischalexandrinische Philosophie in jüdischen Kreisen weder eine weitere Fortbildung noch überhaupt Anerkennung gefunden. Das Bedürfnis eines Ausgleichs zwischen der überkommenen Lehre und der Philosophie der Zeit war für Saadja dasselbe wie einst für Philo. Lehre und Überlieferung waren in Gefahr, im Geiste und im Gemüte ihrer Bekenner von einer grundverschiedenen Bildung und Lebensrichtung verdrängt zu werden, seitdem einerseits der Karäismus2) 1) Vgl. Zeller, Philos. der Griechen III, 2. Besonders eingehend hat diese Art der Exegese in ihrem Einfluß auf die Anschauungen des Judentums Z. Frankel behandelt in seinem Buche »Über den Einfluß der paläst. Exegese auf die alexandrinische Hermeneutik«, Leipzig 1851. 2) Der Karäismus, als das Prinzip des starren Festhaltens an dem Buchstaben der Schrift, im Gegensatz zur Tradition, als dem »Prinzip der beständigen Fortbildung« wie Geiger, Wissensch. Zeitschr. I, S. 348 die Überlieferung bezeichnet, hat seine Wurzeln in dem vom Pharisäismus überwundenen Sadduzäismus, zu dem später noch unverkennbar der gern streng nach dem Wortlaut der Schrift entscheidende Schammai und dessen Schule hinneigte. Erst der Streit der Suniten und Schiiten in der muhammedamschen Welt erweckte den vielleicht 25*