Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 55 (1911)
- Issue
- Heft 3
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 369 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2829132-2829835-2829839-2890683--38816-2890814- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Besprechungen. 369 uung eines speziellen Verwandtschaftsverhältnisses, sondern auch, um einfach zu sagen, daß irgend eine Verwandtschaft gegenseitig bestand; es kann deshalb in dem Briefe Nr. 19, S. 43 dieser Ausdruck sehr wohl auch vom Oheim dem Neffen gegenüber angewandt werden. Sehr interessant ist der Brief Nr. 2 des Dr. Ahron Lucerna an seine Frau mit der Schilderung seiner ärztlichen Tätigkeit, die unwillkürlich an den bekannten Brief des Maimonides erinnert. Nächst der familiengeschichtlichen Bedeutung der Privatbriefe sticht die sprach geschichtliche hervor. Das Jüdischdeutsch der Briefe und das der Glückei von Hameln stellen zwei durchaus verschiedene sprachliche Entwicklungsformen dar, von denen die erstere bei weitem originaler und für die Forschung nach dem Ursprung des Jargons .bedeutend charakteristischer und wertvoller sich erweist. Schon die zahlreichen und markanten, altertümlichen deutschen Redewendungen und Ausdrücke, die in den Briefen Vorkommen, legen davon Zeugnis ab, daß wir hier den Urquellen dieser Sprachbildung wieder ein Stück näher gerückt sind. Viele solche Wendungen sind im Deutschen heute verschollen oder umgebildet; im Glossar hat Landau als Meister dieses Gebietes sie zusammengestellt, erklärt und mit Belegen aus der alten deutschen Literatur versehen. Viel ungehobenes Material für diese Forschungen bieten übrigens die in der Schaaloth u-Teschuwoth- Literatur zahlreich eingestreuten jüdisch-deutschen Stücke aus den verschiedensten Jahrhunderten und Gegenden. Besonders bedeutsam an den Privatbriefen erweist sich auch schon der äußere Briefstil in seiner schlagenden Übereinstimmung mit dem deutschen Briefstil der Zeit; dieselben stehenden Floskeln, Anreden, Phrasen hier wie dort. Zum Vergleich ist in der Einleitung und im Glossar besonders der Briefwechsel des Nürnbergers Balthasar Paumgartner heran gezogen, der nur um wenige Jahrzehnte älter ist. Die Privatbriefe bezeugen wiederum, wie trotz alles Abschlusses der Einfluß der Umgebung auf die Judengasse stark und unabweisbar blieb und die soziale und geistige Atmosphäre über die Mauern hinüberreichte. Auch die verwendeten hebra i sch en Briefformeln sind von Interesse und bieten vielfach eine Ergänzung der Zusammenstellungen Buxtorfs. Ganz besondere Mühe haben sich die Herausgeber mit der Auflösung der vielen Abbreviaturen gegeben; nur ganz Weniges ist dunkel geblieben. Bei der üblichen Bannformel gegen unberechtigtes Öffnen der Briefe scheint der jugendliche Schreiber des Briefes Nr. 4 mit dem Worte »Chor« (S. 9 des hebr. Textes) wohl eher an ein »Loch« im Briefe gedacht zu haben: »Ein Loch macht sich gut für die Schlange«, d. h. wer den Brief verletzt, ist reif für den Bann; die Übertragung Wach- :,steiss »es verdroß die Schlange sehr« (S. 16 des deutschen Textes) Monatsschrift, 55. Jahrgang. 24