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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1911-01-01 · Heft 3 · p. Seite 367

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
55 (1911)
Issue
Heft 3
Article
[Rezension]
Date
1911-01-01
Page
Seite 367 (sequence 2)
Language
German
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Besprechungen. 367 Die Bedeutung der Briefe für die Kultur-, Familien- und Sprachgeschichte der Juden läßt sich am besten mit derjenigen cj'er Memoiren der Glückei von .Hameln zusammenstellen. Wie diese Selbstauf Zeichnungen für die zweite Hälfte, so sind die Privatbriefe für die erste Hälfte des 17. Jahrhunderts eine wissenschaftliche Funclgrübe für die Forschung auf jencn Gebieten. Das psychologische Interesse, das sie durch den Einblick in so unverhüllt und urige« schminkt, weil rein vertraulich zwischen den nächsten Familienange״ hörigen sich gebende Seelen- und Lebensäußerungen erwecken, ist schon stark genug; es wird aber noch gehoben durch das kulturhistorische Interesse, welches der Einblick In das Milieu der Judengasse in zwei so bedeutenden Zentren der damaligen Judenschaft, wie Prag und Wien es waren, hervorruft. Alle Stände, alle Alters- und Gesellschaftsklassen, Männer und Frauen, Gelehrte und Geschäftsleute, Vornehme und Diener, Lehrer und Schüler, Vorsteher und Gemeindeschreiber sind als Briefschreiber und Adressaten vertreten. Die Briefe geben gleichsam einen »Querschnitt« durch die inneren und äußeren Zustände der Prager Judenschaft, und es fehlt darum nichts, was nicht darin seinen Ausdruck fände. Das Hangen und Bangen um die materielle Existenz, die Sorge um die Familienangehörigen, welche zahlreich sich unterwegs zu Geschäften oder zum Studium befinden, der unerschütterliche, im Charakter und in der Religion begründete jüdische Optimismus, die Hochachtung vor der Gelehrsamkeit, die in idealster Weise alles Streben nach Erwerb weit überwiegt, die Selbstverständlichkeit, mit der trotz der ausdrücklich zugestandenen schwierigen allgemeinen Lage auf die wechselseitige Beihülfe der Glaubensbrüder gerechnet wird, das alles tritt in klassisehen Typen dem Leser der Briefe entgegen und prägt sich umso schärfer aus, als der Untergrund nur von alltäglichen Dingen ausgefüllt wird: von Handelssachen, Heiratsplänen, Toilettensorgen, Unterstützungsgesuchen, Berichten aus dem Familienleben und dergleichen. Hie und da taucht einmal ein Gegenstand allgemeineren Interesses auf, die Auslösung von Gefangenen auf Gemeindekosten z. B., wobei die Art der Geldüberweisung, überhaupt auch die ganze Art des Brief- Verkehrs und der Postbeförderung kulturhistorisch interessant ist. Ein solches kulturhistorisches Kuriosum stellt auch die in einigen Briefen verwendete Geheimschrift dar, bei der das Siegel zwischen, Absender und Empfänger verabredet war, so daß Fremde den Inhalt nicht erraten konnten. In einem kleinen Nachtrag: hat-Wachsteiu dienach langem Mühen endlich entdeckte Auflösung der in der Geheimschrift abgefaßten Briefstellen bekannt gegeben; es handelt sich im einen Falle um Geldgeschäfte, im anderen um eine Heiratsvermittlung!

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